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«Die Eurozone bleibt anfällig für Schocks»

Das Deflationsrisiko ist für die Eurozone die grösste Bedrohung, sagt Andrew Balls, einer der neuen mächtigen Männer bei Pimco, im cash-Interview. In der Ukraine-Krise rechnet er mit einer Stabilisierung der Märkte.
20.03.2014 01:00
Interview: Daniel Hügli
Andrew Balls ist bei Pimco neu einer der Stellvertreter des Pimco-Gründers und "Bond-Königs" Bill Gross.
Andrew Balls ist bei Pimco neu einer der Stellvertreter des Pimco-Gründers und "Bond-Königs" Bill Gross.
Bild: cash

Nach dem lauten Abgang von Mohamed El-Erian im Januar als CEO und Co-Anlagechef von Pimco, dem Verwalter des weltgrössten Obligationenfonds, wurden dem mächtigen Anlagechef und Pimco-Gründer Bill Gross neu sechs stellvertretende Anlageschefs zur Seite gestellt. Einer davon ist Andrew Balls, der bisher als Anlagechef für Europa und Asien tätig war. Ihm werden bei Pimco, dem viertgrössten Vermögensverwalter der Welt, grosse Chancen eingeräumt, dereinst die Nachfolge von Gross anzutreten. Das cash-Gespräch mit Andrew Balls fand am letzten Freitag statt.

cash: Herr Balls, wie würden Sie Ihre neue Rolle bei Pimco definieren?

Andrew Balls: Ich bin stellvertretender Anlagechef, Mitglied des Investment Committee und dort verantwortlich für die Regionen Europa und Asien. Meine neue Rolle bei Pimco hat aber viele Ähnlichkeiten mit meiner bisherigen Tätigkeit.

Es gibt derzeit viel Unsicherheit in den Märkten: Die Börsen haben korrigiert, wir beobachten 'Safe-Haven-Buying'. Wie beurteilen Sie die Lage?

Wir hatten einerseits Druck, der von den Schwellenländern ausging, und es bestand und besteht Ungewissheit über die Entwicklungen in der Ukraine. Schwellenländer-Probleme gepaart mit geopolitischen Risiken haben natürlich Auswirkungen auf Aktienmärkte und Finanzmärkte insgesamt. Speziell auch dann, wenn die Börsen einen dermassen deutlichen Anstieg hinter sich haben.

Wie lange dauern die Unsicherheiten an, die von der Ukraine kommen?

Wir gehen davon aus, dass sich der Konflikt auf die Halbinsel Krim beschränkt. Wir erwarten auch, dass die Sanktionen gegen Russland relativ bescheiden ausfallen werden. Es ist also eher mit einer Stabilisierung der Lage an den Finanzmärkten zu rechnen.

Nobelpreis-Gewinner Michael Spence sagte kürzlich in einem cash-Interview, dass die Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern noch etwa ein Jahr andauern werden. Sind Sie gleicher Meinung?

Mike ist ein Freund von mir, er war ja bis vor kurzem Berater von Pimco. Bezüglich Emerging Markets teilen wir seine Meinung. Investoren, die hohe Positionen in Schwellenländer aufgebaut hatten, wurden im letzten Jahr durch die hohe Volatilität überrascht. Die Anpassungen der Märkte bei solchen Ereignissen geschehen nicht sofort, sondern es kann eine lange Zeit vergehen. In einer ähnlichen Situation waren die Anleger übrigens auch in Europa, als Italien und Spanien in den Fokus der Märkte gerieten. Wir sind jedenfalls noch eher zurückhaltend, was unsere Investmentpositionen in Schwellenländern betrifft. Wie beim Fussball wollen wir die Akteure erst im Onside statt im Offside sehen, bevor wir unsere Schwellenland-Anlagen deutlich erhöhen.

Es ist immer noch relativ schwierig, die Entwicklung der US-Wirtschaft einzuschätzen. Wie ermutigend sind die Zeichen der Erholung?

Die Zeichen sind ermutigend. Wir sehen ein Wachstum zwischen 2,5 und 3 Prozent in diesem Jahr, obwohl es viele Herausforderungen struktureller Art gibt. Diese werden sich auf mittelfristige Sicht in den ökonomischen Daten spiegeln. Es wird auch noch eine ganze Weile dauern, bis die US-Zentralbank die Leitzinsen wird erhöhen können. Und wenn dies soweit ist, dann wird der Zinsanstieg ebenfalls sehr langsam vonstatten gehen. Auch die Wachstumsraten in den USA werden über die nächsten Jahr tiefer sein als diejenigen vor 2008.

Wann erhöht die Fed die Zinsen Ihrer Meinung nach?

Ursprünglich dachten wird, dass dies Mitte 2015 der Fall sein wird. Wenn aber die Wirtschaftsdaten etwas schwächer als erwartet ausfallen, könnte sich dieser Zeitpunkt auf Ende 2015 verschieben. Das ist unsere heutige Sicht.

Wie werden die Börsen reagieren, solange das Tapering läuft?

Das Tapering ist eine Art Auto-Pilot. Der Markt geht davon aus, dass das Tapering Ende Oktober oder Anfang November zu Ende ist. Der Markt sollte dies also bereits antizipiert haben. Wir konzentrieren uns auf die eigentliche Zinspolitik. Im Markt wurde in Sachen Forward-Zinsen seit dem letzten Jahr schon einiges korrigiert. Wir werden die Auswirkungen auf die vom Fed bereitgestellte Liquidität im System scharf beobachten.

Wie interpretieren Sie die Erholungssignale in der Eurozone?

Das Wachstum in der Eurozone wird sich in diesem Jahr bei 1 bis 1,5 Prozent bewegen. Das ist natürlich eine bedeutsame Erholung nach den drei schwierigen Jahren. Nicht nur in den Kernländern sehen wir wieder Wachstum, sondern auch in der Peripherie. Deutschland wird in den nächsten Quartalen das stärkste Wachstum aufweisen. Dennoch ist das Wachstum in der Eurozone zerbrechlich.

Was könnte das Wachstum wieder abwürgen?

Ein Schock, der von der Eurozone selbst oder von ausserhalb kommt. Da sollte man auch die Deflationsrisiken unbedingt im Auge behalten. Die Inflationsraten sind sehr tief. Wir prognostizieren eine Rate von 1 Prozent über die nächsten 12 Monate. Das macht die Eurozone verwundbar.

Welche Art von Schocks meinen Sie?

Über die nächsten zwölf Monate sehen wir zwar eine relativ stabile Entwicklung der Eurozone. Sie hat die akute Phase der Krise in Richtung chronischer Phase verlassen. Ein mögliches Umfeld mit weniger Wachstum in den Schwellenländern, einer Wachstumsverlangsamung in den USA und damit verbunden einer geringeren Nachfrage nach Exporten könnten in Europa angesichts der geringen Inflationszahlen aber zu Deflation führen.

Und die Europaratswahlen oder die Etablierung der Bankenunion mit den Stresstests?

Das sind mögliche Gefahren für die Eurozone, aber wir sehen das nicht als Auslöser für grössere Schocks. Dass das Bundesverfassungsgericht die EZB-Klage an die Europarichter weitergeleitet hat, sollte eigentlich zu grosser Sorge Anlasse geben, wenn man sich die Rolle der EZB in der Krise vor Augen führt. Aber auch hier denken wir nicht, dass es zu Instabilität in der Eurozone führt.

Hat sich an Ihrer skeptischen Haltung gegenüber Investments von Staatsobligationen in der Eurozone etwas geändert?

Wir sind diesbezüglich noch immer zurückhaltend. Über die Rolle der EZB besteht noch immer grosse Unsicherheit. Eine Situation, die in den USA, in Grossbritannien und in Japan nicht vorhanden ist. Aber wir sind in Italien und Spanien übergewichtet, wir besitzen auch slowenische Papiere.