«Die Eurozone bleibt ‹scary›»

Der Schroders-Chefökonom ist skeptisch, was die Konjunktur in der Eurozone angeht. Er sieht vor allem Deutschland in der Pflicht, mehr zu tun, wie er gegenüber cash sagt.
24.11.2014 01:01
Von Frédéric Papp
Keith Wade, Chefökonom Schroders, im cash-Video-Interview.
Bild: cash

Rechtzeitig auf Halloween veröffentlichte der britische Assetmanager Schroders Ende Oktober ein Paper mit dem originellen Namen: "The Rocky Horror Euro Show". Und die Eurozone dürfte den Anleger weiter Angst einjagen, sagt der Mitverfasser des Papers, Schroders-Chefökonom Keith Wade im Gespräch mit cash.

Die Angst speist sich laut Wade aus drei Quellen: Die schwelende Krise zwischen Russland und der Ukraine bezeichnet er als die grösste Gefahr. "Die US- und EU-Sanktionen gegen Russland belasten zunehmend das Wirtschaftswachstum in der Eurozone." Wade befürchtet, dass sich die Ungewissheit über den Ausgang der Krise bis ins 2016 ziehen könnte.

Die wirtschaftlichen Bande sind vor allem zwischen dem Eurozonen-Zugpferd Deutschland und Russland besonders eng. Deswegen mehren sich die Stimmen in Deutschland, die im März beschlossenen Sanktionen gar wieder rückgängig zu machen. Nach einer Umfrage für das deutsche Staatsfernsehen ARD ist über ein Viertel der Befragten dafür. Die grösste Volkswirtschaft der Eurozone steht am Rande einer Rezession – im dritten Quartal wies Deutschland noch ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent aus.

Yen-Schwäche und Deflationsrisiko

Ungemach für Europa droht auch aus Japan. "Der Zerfall des Yen ist schlecht für europäische Firmen", sagt Wade. Die Produkte japanischer Unternehmen verbilligen sich durch den günstigen Yen und machen damit europäischen Firmen das Leben schwer. Asien ist eine wichtige Absatzregion für europäische Produkte. Die kürzlich deutlich ausgeweitete Geldmenge durch die japanische Zentralbank liess den Yen gegenüber der Gemeinschaftswährung auf den tiefsten Stand seit über sechs Jahren absacken.

Zu guter Letzt hängt das Damoklesschwert der Deflation über Europa. Die Inflationsrate im Währungsraum war zuletzt mit 0,4 Prozent weit niedriger als es der Europäischen Zentralbank (EZB) lieb sein kann. Sie strebt eine Jahresteuerung von knapp zwei Prozent an. Fallende Preise können eine Wirtschaft dauerhaft lähmen, wenn sich Konsumenten mit Geldausgeben zurückhalten, Löhne sinken und Firmen ihre Investitionen aufschieben.

Deutschland verkennt die Deflationsrisiken

Gerade die restriktive Denkweise bezüglich Fiskalpolitik der Deutschen ist laut Wade problematisch:  "Die Deutschen glauben Austerität sei die Quelle von Wirtschaftswachstum. Auf lange Sicht ist diese Denkweise richtig, nicht aber auf kurze Sicht. Die Eurozone bräuchte stattdessen einen kräftigen Stimulus."

Das deutsche Bundesfinanzministerium sieht für das kommende Jahr erstmals seit 1969 einen ausgeglichenen Bundeshaushalt ohne Neuverschuldung vor. Schroders-Ökonom Azad Zangana bezeichnete dieses Vorhaben der Deutschen an einer Podiumsdiskussion organisiert von Schroders als "crazy".

Laut Wade ist Deutschland zurückhaltend gegenüber einer stärker expansiven Fiskal- und Geldpolitik, weil es Hyperinflation fürchtet. Damals in den 1920er-Jahren benötigte man in Deutschland einen Kinderwagen voller Geld, um ein Laib Brot zu kaufen. Diese Angst ist aber unbegründet, weil das Geld nicht in Realwirtschaft läuft, sondern im Finanzsystem verbleibt. "Deutschland scheint das nicht richtig anzuerkennen", so der Schroders-Chefökonom. Er befürchtet ein Abrutschen der Eurozone in die Deflation und sieht gar gewisse Parallelen zur letzten grossen Deflation in den 1930er Jahren.

Ältere Schichten einer Gesellschaft sehen in der Deflation oft kein Schreckensgespenst. Denn alte Menschen profitieren als Sparer und Rentenbezieher von fallenden Preisen und sind in der Regel weniger an Investitionen in die Zukunft interessiert. Japan müht sich jahrelang mit dem Kampf gegen Deflation ab – und immer mehr Ökonomen befürchten dies auch für die Eurozone (siehe Artikel).

Im cash-Video-Interview gibt Keith Wade einen Ausblick auf die Eurowirtschaft 2015 und er sagt, welche Indikatoren er für seine Prognosen verwendet.

Das Gespräch mit Keith Wade wurde am Rande der Schroders International Media Conference 2014 geführt, die vergangene Woche in London stattfand und zu der cash eingeladen wurde.