WEF 2017

«Die Gefahr von Handelskriegen unter Trump ist klein»

Nariman Behravesh, Chefökonom bei IHS Markit und Gast am WEF in Davos, analysiert im cash-Video-Interview die Taktik und die mögliche Wirtschaftspolitik von Donald Trump und sagt, welche Folgen dies für die Börse hat.
16.01.2017 20:56
Von Daniel Hügli, Davos
Nariman Behravesh, Chefökonom von IHS Markit, im cash-Video-Interview am WEF in Davos.
Bild: cash

Diese Woche steht für die internationale Wirtschaft ganz im Zeichen des World Economic Forum in Davos, das morgen eröffnet wird. Sie steht aber auch im Zeichen der Vereidigung von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten am Freitag.

Donald Trump wird auch am WEF zentrales Thema sein. cash hat traf sich im Vorfeld des WEF mit Nariman Behravesh, Chefökonom der international tätigen Consultingfirma IHS Markit und bat ihn um eine Einschätzung von Donald Trumps Politik und Taktik.

"Sehr vieles, was Trump bislang gesagt hat, ist sehr provokativ. Ganz einfach: Er rüttelt alles auf in der Hoffnung, dass es am Ende die USA profitieren werden", sagt Behravesh im cash-Video-Interview. Er mag nicht in den allgemeinen Pessimimus und die Verängstigung einstimmen, die Trumps Äusserungen bislang ausgelöst haben. "Trump ist ein Geschäftsmann, der vieles pragmatisch sieht. Und die Regierung Trump will in ein paar Jahren von sich sagen können: 'Schaut her auf die vielen Jobs, die wir geschaffen haben'."

«Wachstumsbefürwortender Populismus»

Trump bleibt jedenfalls eine Wundertüte, und die Liste von seinen überraschenden und brüskierenden Äusserungen ist lang. Beispiel Autoindustrie: Nach GM und Toyota griff Trump zu Wochenbeginn in seinem ersten Interview in einer deutschen Zeitung auch deutsche Autofirmen an, die in Mexiko produzieren oder produzieren wollen. Indirekt drohte er ihnen mit einem Einfuhrzoll von 35 Prozent für nicht in den USA produzierte Autos. Handkehrum vermissten Investoren letzte Woche Details zu Trumps Wirtschaftsprogramm, als der kommende Präsident seine erste Pressekonferenz abhielt.

Laut Behravesh, der bei IHS Markit Chef von rund 400 Ökonomen und Analysten ist, kommt es vor allem auf einen Punkt an: Welche Art von Populismus Trump betreiben wird. "Macht er wachstumsbefürwortenden Populismus, dann dies wird die Konjunktur in den USA und in der Welt antreiben. Macht er protektionistischen Populismus, wird dies der Wirtschaft schaden."

Die Regierung Trump werde eher wachstumsbejahenden Populismus betreiben, "trotz zumeist gegenteiliger Aussagen in der Wahlkampagne", sagt Behravesh, der gebürtiger Iraner ist.  Die Wahrscheinlichkeit von Handelskriegen zum Beispiel mit China ist demnach eher klein. "Denn die Trump-Leute wissen genau, welchen Schaden mögliche Gegenmassnahmen der US-Wirtschaft zufügen könnten."

Kritik an Börsen-Überschwang

Die Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten waren bereits kurz nach der Trump-Wahl im letzten November gewachsen. Trump sieht China als Währungsmanipulator, der sich damit Vorteile für die Exportgüterindustrie verschafft. Trump plant Einfuhrzölle auf chinesische Waren in Höhe von 45 Prozent. China warnte vor Monatsfrist vor einem Handelskrieg zwischen den beiden führenden Wirtschaftsmächten der Welt, denn sonst könnten beide Länder Schaden nehmen.

Zudem hat Trump China provoziert, indem er mit der Präsidentin von Taiwan telefonierte. Taiwan wird von China als "abtrünnige Provinz" betrachtet und reagiert auf internationale Unterstützung für die Inselrepublik sehr empfindlich.

Vor dem Hintergrund der beginnenden Trump-Präsidentschaft warnt Behravesh im Gespräch mit cash auch vor überbordendem Optimismus an den Börsen. Trumps Pläne für Steuersenkungen, mehr Staatsinvestitionen in die US-Wirtschaft sowie eine Deregulierung der Finanzwirtschaft haben den Börsen nach der Trump-Wahl mächtig Auftrieb gegeben. "Haben die Börsen übertrieben? Wahrscheinlich", sagt Behravesh.

Im cash-Video-Interview äussert sich Nariman Behravesh auch zur weiteren Entwicklung des Dollar und zur Kapitalflucht aus China.