WEF 2016

«Die Leute müssen sich mehr empören»

Die Finanzelite und ihre mächtigen Netzwerke bestimmen das Weltgeschehen, sagt Sandra Navidi. Die Buchautorin und Finanzexpertin spricht im cash-Interview über Schwächen dieses Systems und wie man dagegen ankämpfen kann.
21.01.2016 00:01
Interview: Ivo Ruch, Davos
Sandra Navidi im Gespräch mit cash am WEF in Davos.
Bild: cash

Sandra Navidi ist Gründerin der Unterehmensberatung BeyondGlobal und lebt in Deutschland und den USA. Davor arbeitete die studierte Juristin für den bekannten Ökonom Nouriel Roubini und als Investmentbankerin. Mit Super-hubs legt Navidi eine Arbeit vor, welche die mächtigen Netzwerke der globalen Finanzelite beleuchtet. Super-hubs sind die am besten vernetzten Knotenpunkte innerhalb des Finanznetzwerks, wie Milliardär George Soros, JP Morgan-Chef Jamie Dimon und BlackRock-Boss Larry Fink. Mit ihren Entscheidungen bewegen sie täglich Billionen auf den Finanzmärkten und haben somit direkten Einfluss auf Industrien, Arbeitsplätze, Wechselkurse, Rohstoffe oder sogar den Preis unserer Lebensmittel.

cash: Sandra Navidi, Sie beschreiben in ihrem neuen Buch, wie das Netzwerk der mächtigen Finanzwelt funktioniert. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse ihrer Arbeit?

Sandra Navidi: Egal, wieviel Macht Einzelne haben, besonders grosse Macht haben die Finanzelite durch ihre Netzwerke. Es ist menschliche Natur, dass wir uns mit anderen verbinden wollen. Das ist auch der grösste Unterschied zu anderen Artgenossen. Netzwerke sind die treibende Kraft für Fortschritt, aber sie haben natürlich auch das Potenzial, negative Dinge herbeizuführen. Jedes Netzwerk neigt über die Zeit dazu, homogener und komplexer zu werden. Natürliche Korrekturmechanismen sorgen dafür, dass sich die Systeme wieder ausbalancieren.

Was bedeutet das in Bezug auf das Finanzsystem?

In unserem Finanzsystem sind diese Super-hubs so übermächtig und homogen geworden, dass der Korrekturmechanismus nicht mehr einwandfrei funktioniert.

Wie kann diese Monokultur aufgebrochen werden?

Ich habe keinen Masterplan. Aber ich finde es wichtig, das Ganze aus Sicht der Systemtheorie verständlich zu machen, damit es nicht in Verschwörungstheorien untergeht. Das lenkt ab und lässt die richtigen Probleme in den Hintergrund rücken. Gewiss, die Super-hubs verfolgen ihre Eigeninteressen. Aber im Sinne der Stakeholder-Theorie sollen zum Beispiel bei einer Aktiengesellschaft die Interessen aller Betroffenen berücksichtigt werden, nicht nur jene der Aktionäre.

Liegen denn die Verschwörungstheoretiker komplett falsch, wenn sie dem Finanz-Netzwerk Absprachen vorwirft?

Ich kann nicht das Gegenteil behaupten, weil ich kein absolutes Wissen habe. Natürlich kann es in Einzelfällen Absprachen geben. Es gibt auch Betrüger unter Rechtsanwälten und Organhändler unter Ärzten. Aber man kann nicht sagen, das sei der Charakter des Systems. Statistisch gesehen, besteht ein Netzwerk der Finanzindustrie aus den gleichen Charakteren wie ein Netzwerk in anderen Bereichen. Das Problem ist: Während für ein Arzt das Leben das höchste Gut ist, muss ein  Finanzmensch durch Profit getrieben sein. Und über die Zeit verändert das die Mentalität.

Sie kritisieren das Finanzsystem und nehmen gleichzeitig eine starke Insiderrolle ein, sind Teil der Super-hubs. Erhielten Sie schon negative Reaktionen aufgrund Ihrer Kritik?

Noch nicht. Ich gab das Buch Blackstone-CEO Steve Schwarzman zum Lesen und befürchtete, möglicherweise eine einstweilige Verfügung zu bekommen. Aber er las es in zwei Tagen und schickte es dann an den Dekan der Harvard Business School weiter. Jeder weiss, dass die systemischen Probleme bestehen. Die Super-hubs haben auch ein Interessen daran, dass sich das System verbessert. Ich fragte George Soros einmal, ob es nicht widersprüchlich sei, dass er das System zu seinen Gunsten nutze und es gleichzeitig verändern wolle. Er meinte, nein. Solange die Regeln sind, wie sie sind, nutze ich sie zu meinem Vorteil. Das schliesst aber nicht aus, dass ich es trotzdem verbessern möchte. Wenn aber das gesamte System versagt, betrifft das jeden Einzelnen.

Sie sägen durch Ihre Kritik also nicht an Ihrem eigenen Stuhl?

Wir werden es sehen. Noch haben nicht alle das Buch gelesen. Larry Summers kann sich bestimmt nicht beschweren. Er kommt ziemlich gut weg. Seine Fettnäpfchen habe ich aufgezählt, aber das ist ja alles bekannt.

Viel Macht in den Händen Weniger, die nicht demokratisch gewählt sind. Ist das nicht ein Problem?

Die meisten Super-hubs fällen keine Entscheidungen, die direkt umsetzbar sind. Wir leben zum Glück noch nicht in einer Bananenrepublik. Auf der anderen Seite kann es auch sehr effektiv sein, wie bei Entscheiden der Zentralbanken. Solange die Wirtschaft einigermassen läuft und die Leute Jobs haben, nehmen sie es so hin. Aber für den Fall, dass es schlimmer kommen sollte, mache ich mir Sorgen.

Wir leben in unsicheren Zeiten, wirtschaftlich wie politisch. Wirken Super-hubs in solchen Zeiten stabilisierend oder eher nicht?

Es kann in beide Richtungen gehen. Bei der Euro-Krise haben die Leader gut Hand in Hand gearbeitet, weil sie wussten, was auf dem Spiel steht. Die Homogenisierung innerhalb eines Netzwerkes kann auch dazu führen, dass es in die andere Richtung geht. Wir wissen beispielsweise noch nicht, wie sich der Effekt der Technologisierung weitergeht. Der Trend zu noch mehr Vernetzung und Komplexität dürfte zunehmen. Wir haben einen Grad an Komplexität geschaffen, der uns über den Kopf gewachsen ist.

Sind Events wie das World Economic Forum unter dem Strich dennoch positiv für die Allgemeinheit?

Man kann das vor allem nicht unterbinden. Wenn sich die Super-hubs nicht am WEF treffen, treffen sie sich anderswo, weil sie sich so gut kennen. Am WEF läuft es immerhin organisiert und transparent ab. In diesem Jahr sind fast 1000 Medienvertreter vor Ort. Nichts wird nicht öffentlich, ausser Gespräche unter vier Augen und das könnte man auch am Telefon machen.

Sie fordern in ihrem Buch mehr Verantwortung von der Finanzelite. Wie soll das gehen?

Das geht durch öffentlichen Druck. In Davos gibt es auch kritische Stimmen wie Nouriel Roubini, die keine direkte Macht haben oder auch keine Milliarden besitzen. Das Bewusstsein ist wichtig, dass wir alle Knotenpunkte im System sind. Man kann sich nicht zurücklehnen und sagen, die da oben sollen etwas verändern. Die Occupy-Bewegung hätte Potenzial gehabt. Aber es ist im Sand verlaufen, weil die Leute noch nicht aufgebracht genug sind. Die Leute müssen sich noch mehr empören.

Die Finanzelite war mitverantwortlich für die Finanzkrise. Wäre das noch einmal möglich oder hat man dazugelernt?

Begrenzt. Man hat nur das Allernötigste gemacht. Die Parameter haben sich nur ein bisschen verschoben, das System ist aber noch komplexer geworden. Ganz gefährlich und beunruhigend sind die geopolitischen Aspekte, welche die ganze Situation sehr unberechenbar machen.

Das System verändert sich also nur so stark, dass es am Leben bleibt?

Idealerweise reguliert sich das System selbst. Wenn es aber so läuft wie im Moment und man sich nur stückchenweise verändert, besteht die Gefahr von grossen Umwälzungen, von regulativen Schocks. Diese wären dann für alle unangenehm.

Könnte die Fintech-Bewegung das 'alte' Finan‎z-Netzwerk aufbrechen?

Die Fintech-Bewegung hat das Potential, grosse Veränderungen herbeizuführen und damit die herrschenden Netzwerke etwas zu entkräften. An ihrer grundsätzlichen Macht wird das aber zumindest vorerst nichts ändern.
 

Im Video-Interview mit cash sagt Sandra Navidi zudem, welche Super-hubs am diesjährigen WEF unterwegs sind und wie sich Davos in den letzten Jahren verändert hat.