«Die Schweiz ist in Krisenzeiten beliebt»

Die Welt erlebt derzeit eine ungewöhnliche Häufung von geopolitischen Krisen, sagt Stefanie Walter. Die Professorin für Politische Ökonomie schätzt im cash-Talk die wirtschaftlichen Folgen der Konflikte ein.
22.08.2014 01:10
Von Ivo Ruch
Stefanie Walter ist Professorin für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie.
Bild: cash

Russland/Ukraine, Irak, Gaza: Die Welt ist derzeit auch im historischen Vergleich mit überdurchschnittlich vielen geopolitischen Krisen konfrontiert. Diese Meinung vertritt Stefanie Walter. Sie ist Professorin für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie an der Universität Zürich.

"Insbesondere sind es viele Krisen mit unterschiedlichen Problemstellungen, die nicht direkt miteinander zusammenhängen und an verschiedenen Brandherden ablaufen", erklärt sie im cash-Talk. Dadurch entstehen Krisenherde, die aber gleichzeitig geopolitische Auswirkungen haben können.

Von den verschiedenen Krisenherden schätzt Walter jenen in der Ukraine als für Europa am wichtigsten ein. "Mit den Sanktionen für Russland hat diese Krise direkte Auswirkungen." Zudem habe Russland als Gaslieferant eine besondere wirtschaftliche Bedeutung, insbesondere für osteuropäische Staaten. Das Wirtschaftswachstum hat sich denn vielerorts auch bereits abgeschwächt, und Experten rechnen mit düsteren Aussichten für die kommenden Monate.

Konflikte bergen Risiken

Diese geopolitischen Krisen treffen zudem auf eine globale Konjunktur, die sich immer noch im Erholungsmodus befindet. "Wir kommen aus einer der grössten Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte", sagt Professorin Walter. Für die Eurozone kommt erschwerend hinzu, dass durch die Sanktionen auch Deutschland – die bisherige Wachstumslokomotive – betroffen ist. Erst kürzlich hat die Deutsche Bundesbank deshalb ihre Prognosen zurückgenommen. "In einem schwächelnden Kontext bergen diese Konflikte gewisse Risiken", so Walter.

Dass die Finanzmärkte von politischen Unruhen beeinflusst werden, war in den letzten Wochen sichtbar. Der Dow Jones, aber auch der Swiss Market Index (SMI) haben deutliche Kursrückgänge hinter sich. Als die Ukraine-Krise am letzten Freitag zu eskalieren drohte, gab der SMI innerhalb kurzer Zeit deutlich nach.

"Insbesondere kurzfristig haben geopolitische Krisen durchaus Folgen für die Finanzmärkte", sagt Walter. Auch mittelfristig könne das der Fall sein, wenn die Konjunktur darunter leide. Auf lange Sicht schätzt die Politikwissenschaftlerin allerdings den Einfluss geopolitischer Ereignisse als gering ein. "Die wirtschaftlichen Trends sind wichtiger."

Vorwurf der Rosinenpickerei

Für die Schweiz bedeuten die aktuellen Krisen, dass sie als sicherer Hafen attraktiv wird. "Anleger suchen in wirtschaftlichen oder geopolitischen Krisenzeiten oft die Sicherheit in Anleihen in Schweizer Franken", sagt Walter. Diese Tendenz ist auch am Erstarken des Schweizer Franken gegenüber dem Euro in den letzten Wochen erkennbar. "Das ist gerade für die Schweizer Exportindustrie nicht einfach", so Walter weiter.

Das Verhalten in Krisenzeiten trägt der Schweiz aber auch immer wieder internationale Vorwürfe ein. So hat der estnische Präsident die Schweiz für ihr Verhalten im Ukraine-Konflikt scharf kritisiert. Der Vorwurf: Die Schweiz versuche, durch die Ablehnung der Russland-Sanktionen dem Bankensektor Vorteile zu verschaffen. "Das passt ins Bild der Schweiz als Rosinenpickerin, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative", sagt Walter.

Im cash-Talk sagt Professorin Stefanie Walter zudem, welchen Einfluss die moderne Informationsgesellschaft auf die Rezeption von Krisen hat und welche Konflikte zurzeit zu Unrecht vergessen gehen.