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Die SNB ein Jahr nach Hildebrand

Die Schweizerische Nationalbank hat ein äussert unruhiges Jahr hinter sich. Die Turbulenzen haben sich gelegt. Doch die Lage bleibt fragil.
14.12.2012 03:45
Daniel Hügli
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Bild: cash

Wie er die heutige Lage der Nationalbank rückblickend auf die turbulenten letzten zwölf Monate beurteile, wollte ich am Donnerstag von SNB-Präsident Thomas Jordan im cash-Interview wissen. Seine Antwort kam mit einem Lächeln. Für eine Beurteilung sei es noch zu früh, sagte Jordan. Er schätzt die Lage richtig ein: Die Situation rund um die Nationalbank hat sich in den letzten Monaten zwar weitgehend beruhigt. Aber sie bleibt fragil.

Die SNB hat eines der bewegtesten Jahre ihrer Geschichte hinter sich. Angefangen hatte das Jahr mit dem Rücktritt von Präsident Philipp Hildebrand, der wegen seiner privaten Devisentransaktionen für eine Zentralbank unhaltbar wurde. Es folgten die Diskussionen und das politische Trommelfeuer um Hildebrands Nachfolge und um Verbesserungen von internen SNB-Kontrollmechanismen.

Vor Ostern gab es national und international grosse Aufregung, als der Euro die viel beschworene SNB-Kursuntergrenze durchbrach und sich die SNB-Führung öffentlich erklären musste. Im Juni dann die ungeschickte Kommunikation wegen der Eigenkapitalforderungen an die Credit Suisse, deren Kurs deswegen um 10 Prozent einbrach.

Aus heutiger Sicht muss man festhalten: Für derart viele Gläser, die da im 2012 in Bruch gingen, steht die SNB heute erstaunlich gut da. Ihre Glaubwürdigkeit hat allenfalls im Inland Schaden genommen. Im Ausland ist sie, dies stellt man im Gespräch mit internationalen Finanzmarktteilnehmern immer wieder fest, weitgehend intakt.

Das ist sicher auch das Verdienst von Thomas Jordan, der zwar nicht immer geschickt reagierte - man erinnere sich zum Beispiel an sein Statement (auch in einem cash-Interview), als er den Juni-Kurssturz der Credit-Suisse-Aktie zu erörtern und erklären versuchte. Das ist seine Sache nicht. Doch über weite Strecken agierte Jordan souverän.

Der Wind kann aber schnell drehen. Der "Ruhezustand" der SNB ist von der Entwicklung im Euroraum abhängig, genauer: Von der Politik der Europäischen Zentralbank. Das sah man bei der Bekanntgabe der unbegrenzten Staatsanleihenkäufe durch die EZB im September, als sich der Franken plötzlich von der monatelangen Schockstarre bei der Kursuntergrenze löste. Entspannung an der Wechselkursfront bedeutet weniger Deviseninterventionen durch die SNB, was wiederum die Fremdwährungsbestände der SNB nicht weiter ansteigen lässt.

Beim Gegenteil, also bei anhaltendem Druck auf den Franken, ist es schnell vorbei mit der relativen Ruhe. Spätestens, wenn die SNB-Devisenreserven auf die Höhe des Bruttoinlandprodukts steigen. Dann sind die nächsten innenpolitischen Vorstösse aus dem rechtskonservativen Lager da. Auch international gibt es immer wieder Nadelstiche wegen der Nullzinspolitik der SNB. Die Ratingagentur S&P bezichtigte die Schweizer Währungshüter im Herbst der Währungsmanipulation, und Anfang Woche warnte der britische Zentralbankchef vor einem Währungskrieg, der von Ländern mit Tiefzinspolitik angezettelt werde.

Die Lage der SNB bleibt fragil. Das weiss auch Thomas Jordan.