Die Welt ist gnadenlos zu Mario Draghi

Trotz monatlichen Milliarden-Interventionen will sich der Inflations-Ausblick für die Euro-Zone nicht so recht aufhellen. EZB-Chef Mario Draghi könnte bald zu weiteren Massnahmen gezwungen sein.
14.02.2016 08:15
Mario Draghi ist der Wahrung der Preisstabilität verpflichtet.
Mario Draghi ist der Wahrung der Preisstabilität verpflichtet.
Bild: Wikipedia

Die Welt ist gnadenlos, findet Mark Carney. Mario Draghi wäre wahrscheinlich nicht abgeneigt, seinem Londoner Amtskollegen in dieser Einschätzung zuzustimmen. Der Präsident der Europäischen Zentralbank pumpt jeden Monat Milliarden in die Wirtschaft, und bringt damit der Wirtschaft im Euroraum Wachstum und einen allmählichen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Doch gleichzeitig hat er es mit Kräften von aussen zu tun - etwa der von den Schwellenmärkten ausgehenden Abkühlung und dem Einbruch der Ölpreise - die die Inflation wieder unter null zu drücken drohen. 

Das sorgt insgesamt für einen düsteren Ausblick und hat die Europäische Kommission veranlasst, ihre Prognosen für 2016 zu senken. Für Draghi - der Wahrung der Preisstabilität verpflichtet - bedeutet das, nur wenige Monate nach Ausweitung der Konjunkturimpulse seine Anstrengungen nochmals zu überprüfen.

Die jüngsten Daten zeigen, dass die Wirtschaft im Euroraum Ende 2015 das elfte Quartal expandiert ist. Doch das Wachstum ist mässig und reicht nicht aus, um den disinflationären Druck auszugleichen, dem sich die Region ausgesetzt sieht.

Grösstes Wachstum seit 2011

"Die Binnennachfrage ist okay, es ist das externe Umfeld, das nicht so einen grossen Schub gibt", sagte Marco Valli, Chefökonom für den Euroraum bei UniCredit Bank in Mailand. "Das wird sich so schnell nicht ändern."

Die 19 Staaten umfassende Region ist im vierten Quartal um 0,3 Prozent gewachsen. Für das Gesamtjahr 2015 ergibt das einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,5 Prozent, was die beste Jahresentwicklung seit 2011 darstellt.

Solch ein Wachstum "muss in der gegenwärtigen Lage als normal erachtet werden", sagte Karsten Junius, Chefökonom der Bank J Safra Sarasin in Zürich. "Der Euroraum hat ein Inflationsproblem, kein Wachstumsproblem."

Doch sogar die Beibehaltung dieses begrenzten Quartalswachstums könnte sich schwierig gestalten: Das Wirtschaftsvertrauen ging Anfang des Jahres zurück und ein Einkaufsmanagerindex für Industrie und Dienstleistungen fiel im Januar auf ein Viermonatstief.

Schwierige Zeiten im Anmarsch

Der Stoxx 600 Index büsste seit Jahresbeginn 14 Prozent ein und der deutsche Leitindex Dax rutschte mehr als 17 Prozent ab. Der Sentix-Konjunkturindex fiel im Januar auf den niedrigsten Stand innerhalb eines Jahres.

Die EU-Kommission verringerte ihre Wachstumsprognose von 1,8 Prozent auf 1,7 Prozent und verwies darauf, dass sich Deutschland, Frankreich und Italien - die drei grössten Volkswirtschaften der Region - allesamt schlechter entwickeln werden als noch vor drei Monaten erwartet.

Draghi sagte neulich, "in der Weltwirtschaft sind heute Kräfte am Werk, die zusammen bewirken, dass die Inflation niedrig gehalten wird". Stunden später sprach der britische Notenbankchef Carney von einem "gnadenlosen globalen Umfeld und anhaltenden Finanzmarktturbulenzen".

Die Herausforderung für die EZB mit ihrem Preisstabilitätsmandat besteht darin, die Inflation wieder zum Zielwert von unter, aber nahe zwei Prozent zu bringen. Im Januar stieg die Jahresteuerung zwar auf 0,4 Prozent und erreichte damit das höchste Niveau seit Oktober 2014, doch die Währungshüter rechnen damit, dass der schwächere Ölpreis die Preisentwicklung in den kommenden Monaten wieder nach unten ziehen wird.

Inflationssorgen

Die Sorge gilt den Inflationserwartungen, die sich aus ihrer Verankerung lösen könnten, was eine Abwärtsspirale nach sich ziehen dürfte. Ausgaben würden dann aufgeschoben und die Nachfrage somit ausgehöhlt. Vor diesem Hintergrund hatte der EZB-Rat gesagt, bei dem Treffen am 10. März werde über die Notwendigkeit weiterer Schritte beraten.

"Die Eurozone ist nicht vor den Finanzmarktturbulenzen und der Schwäche andernorts gefeit. Die jüngsten Daten haben sich als enttäuschend erwiesen", erklärten ING-Analysten um Mark Cliffe in London. "Gleichzeitig wird die Inflation wahrscheinlich durch weitere Rückgänge der Energiekosten gedämpft - wobei die EZB besorgt ist, dass ein längerer Zeitraum negativer Gesamtinflation zu weiteren Rückgängen bei den Inflationserwartungen führen dürfte."

(Bloomberg)