Digitalisierung der Finanzindustrie - Schweizer Fintech-Gründungen sind rückläufig

Laut einer neuen Studie wurden 2016 in der Schweiz weniger Fintech-Unternehmen gegründet als im Vorjahr. Stösst der Fintech-Boom an seine Grenzen? Finanz-Dozent Thomas Ankenbrand bezieht im cash-Video-Interview Stellung.
01.03.2017 14:00
Von Ivo Ruch
Thomas Ankenbrand, Dozent an der Hochschule Luzern.
Bild: cash

Im letzten Jahr wurden in der Schweizer 23 Fintech-Unternehmen gegründet, also Firmen, die digitale Finanzdienstleistungen anbieten. Das sind sechs weniger als 2015. Das ist insofern erstaunlich, weil vielerorts von einem Fintech-Boom oder gar einer Blase in diesem Bereich gesprochen wird. "Das ist einerseits der Erhebungsmethode geschuldet", schränkt Thomas Ankenbrand, Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern, im cash-Video-Interview ein.

Ankenbrand, der Hauptverantwortliche für die Studie, nennt noch einen zweiten Grund für den Rückgang der Anzahl Neugründungen: Viele Unternehmen hätten sich spezialisiert und liefen nun nicht mehr unter dem Label Fintech, sondern unter Insurtech (Versicherungsbranche), Regtech (Compliance-Prozesse) oder Proptech (Immobilien). Zum zweiten Mal hat die Hochschule Luzern diese grossangelegte Studie der Schweizer Fintech-Szene durchgeführt.

Mit dem Befund einer Plafonierung des Fintech-Ökosystems steht die Schweiz nicht alleine da. Zahlen aus Europas zeigen: 2016 nahm die Anzahl Fintech-Firmen, die Investorengelder anziehen konnten, zwar zu. Aber die investierte Gesamtsumme sank von 1,6 auf 1,2 Milliarden Dollar. Es gibt Kommentatoren, die davon ausgehen, dass sich die Fintech-Industrie in einer Blase befindet, die bald platzen werde. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Häufig steht am Anfang einer grossen Marktveränderung das Platzen einer Blase.

Ranking: Die Schweiz auf einem Spitzenplatz

Unter dem Strich identifiziert die Studie nun 190 Schweizer Fintech-Firmen, was einem Zuwachs von 17 Prozent entspricht. 2010 waren es noch bloss 24 Fintechs. Mit dabei bekanntere Namen wie Avaloq, Crealogix oder Moneypark. Aber auch Dutzende weniger namhafte Startups. Zurückzuführen ist dieser Zuwachs laut Studienautoren auf die guten Rahmenbedingungen in der Schweiz.

Und so platzieren die Studienautoren Zürich und Genf  hinter Singapur im globalen Fintech-Hub-Ranking auf die Ränge zwei und drei (zur detaillierten Rangliste am Ende des Artikels). Spitzenplätze, die in anderen Studien nicht drinliegen. Hat hier eine zu starke Schweiz-Optik Überhand genommen? Fintech-Dozent Ankenbrand verneint. Der Ansatz sei gewesen, die Indikatoren sämtlicher verfügbarer Studienresultate zusammenzufassen und daraus 68 Indikatoren abzuleiten.

 

So landet die Schweiz in der Spitzengruppe. Dabei spielt auch die Politik mit: Unlängst hat der Bundesrat die Vernehmlassung zu Gesetzes- und Verordnungsänderungen für die Fintech-Branche eröffnet. Für Fintechs sollen weniger strenge Regeln gelten als für Banken.

Kooperationen bleiben wichtig

Dennoch erkennt die Studie in der Schweiz noch viel Wachstumspotenzial, um auf das Level von Singapur zu kommen. Insbesondere wenn es um ökonomische (Zugang zu Kapital, Erleichterung von Unternehmensgründungen etc.) oder technologische (Online-Dienste der Behörden, Digitalisierung der Gesellschaft) Rahmenbedingungen gehe. Derzeit arbeiten in der Fintech-Industrie rund 15’000 Personen.

Wichtig für das Vorankommen der Fintech-Industrie ist auch das Zusammenspiel mit grossen etablierten Playern. Hier geht der Trend klar in die Richtung, dass Fintechs mit den Banken kooperieren oder diese beliefern und nicht ihre Geschäftsmodelle konkurrenzieren. "Banken benutzen Fintechs als spezialisierte Zulieferer, um ihre Digitalisierung weiter voranzutreiben", sagt Thomas Ankenbrand. Das dürfte so weitergehen. Zeugen davon sind die vielen Startup-Initiativen und Förderprogramme, die von CS, UBS, Migros, Coop und anderen Schwergewichten unterstützt werden.

Im Video-Interview sagt Thomas Ankenbrand auch, wie er bei der grossen Anzahl Schweizer Fintech-Unternehmen den Überblick über die Szene behält.

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Quelle: HSLU