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Draghi soll mal den Crash zulassen

Immer drastischere Massnahmen der Europäischen Zentralbank, erlahmender Reformwille in den Euro-Problemländern. Der EZB müsste einmal der Kragen platzen.
03.10.2014 00:55
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
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Bild: cash

Am Donnerstag gab die Europäische Zentralbank (EZB) die Details zum angekündigten Kauf von Kreditverbriefungen und Pfandbriefen bekannt. Die Massnahmen zielen darauf ab, den Kreditfluss in der Wirtschaft der Eurozone anzuregen und den enttäuschenden Konjunkturverlauf anzukurbeln. Bereits in September hatte die EZB den Leitzins auf ein Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt.

Es sind dies die jüngsten Taten in einem Drama, das nun schon mehrere Jahre andauert. Verschärft seit dem Höhepunkt der Schuldenkrise in Europa 2011/12 rettet die EZB die Eurozone mit immer neuen und umfangreicheren Massnahmen vor dem Kollaps. Ein als kurzfristig gedachter Brandlöscher ist zur dauerhaften Einsatztruppe mutiert.

Dabei verhält es sich mit den Massnahmen der EZB, mit denen die Zentralbank ihr Mandat längst verlassen hat, wie mit dem Konsum von Drogen oder harten Medikamenten. Die Wirkung lässt beim permantenen Gebrauch nach. Der Patient schreit daher nach einer immer höheren Dosierung.

Den Beweis liefern Euro-Sorgenländer wie Italien oder Frankreich fast tagtäglich. Die französische Notenbank begrüsst den Euro-Verfall ausdrücklich - und fordert eine weitere Abwertung der Währung. Als ob es die Aufgabe EZB wäre, ein Wechselkursziel zu verfolgen.

Die nächste und wohl ultimative Dosis, von südeuropäischen Ländern ebenfalls unverhohlen erwünscht, ist der breit angelegte Kauf von Staatsanleihekäufen durch die EZB. Die Probleme liessen sich so schön weginflationieren. Mit umfangreichen Schritten eines "Quantative Easing" haben schon die Notenbanken in den USA und England ihre Wirtschaftssysteme wieder einigermassen auf Kurs gebracht - mit noch unabsehbaren Folgen.

Dank der EZB-Politik bewegen sich südeuropäische Politiker in der Komfortzone. Die Rendite ihrer Staatsanleihen sind auf rekordtiefe Niveuas gesunken, und die Politiker müssen die harte und unpopuläre Arbeit von notwendigen Strukturreformen nicht an die Hand nehmen. Dabei sollten die EZB-Massnahmen seit Jahren entsprechend politisch begleitet werden.

EZB-Präsident Mario Draghi erinnert die Politiker bei seinen Auftritten ständig an ihre Aufgaben, und er tut dies im Ton viel schärfer als sein Vorgänger Jean-Claude Trichet. Bisweilen hat man den Eindruck, Draghi könnte mal der Kragen platzen. Eine Sistierung der EZB-Massnahmen - oder die blosse Ankündigung dafür - wäre in der Tat ein Experiment wert, um die Problemstaaten zum Handeln zu zwingen. Die Verwerfungen an den Märkten müsste man in Kauf nehmen.

Das bleibt indes ein Gedankenspiel. Die EZB sitzt im Machtkampf mit dem Politikern am kürzeren Hebel. So wird der Arzt EZB den Patienten Eurozone weiter behandeln wie bisher, und alle wissen, dass selbst das stärkste Medikament die schlimmsten Schmerzen bloss kurzfristig überdeckt. Die nächsten Krise wird die Grunderkrankung dann erneut offenlegen.