Ein Jahr Dieselgate: VW-Chef Matthias Müller kämpft allein

Ein Jahr ist es her, seit der Abgas-Beschiss den VW-Konzern durchschüttelte und Matthias Müller auf den Chefsessel spülte. Der neue CEO hat Tritt gefasst. Der versprochene Kulturwandel lässt aber noch auf sich warten.
10.09.2016 07:01
Der Schrecken sass ihm in den Gliedern: VW-CEO Matthias Müller.
Der Schrecken sass ihm in den Gliedern: VW-CEO Matthias Müller.
Bild: ZVG

Matthias Müller wächst an der Krise: An keinem anderen Spitzenvertreter von Volkswagen lässt sich der Wandel bei der Bewältigung des Dieselskandals besser ablesen als am Konzernchef. Als Müller vor fast einem Jahr an die Spitze des Wolfsburger Autokonzerns berufen wurde, sass ihm der Schrecken in den Gliedern, wie der 63-Jährige heute unumwunden zugibt.

Damals war die Abgasaffäre erst ein paar Tage bekannt. Müller magerte ab, wirkte angestrengt und unsicher. Mittlerweile kann er wieder lächeln, flachst. Die Aufräumarbeiten kommen voran und der Konzernchef richtet Volkswagen für das digitale Zeitalter neu aus. Der versprochene Kulturwandel lässt jedoch auf sich warten.

"Die Situation für mich war ja so, dass da etwas zwischen Dienstag und Donnerstag über mich hereingebrochen ist, mit dem ich nie und nimmer gerechnet habe," schildert Müller die ersten Tage. Davor sei er davon ausgegangen, dass er noch einige Jahre den Erfolg, den er als Chef des Sportwagenbauers Porsche mit aufbaute, noch einige Jahre geniessen könne.

Doch es hiess "Müller, übernehmen Sie!" als der langjährige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn wegen des millionenfachen Abgasbetrugs zurücktrat. Wenige Monate zuvor hatte Firmenpatriarch Ferdinand Piech nach verlorenem Machtkampf mit Winterkorn das Feld als Aufsichtsratschef geräumt. Damit stand Volkswagen ohne die beiden wichtigsten Personen da, die den Konzern in den vergangenen Jahren stark geprägt hatten.

Erfolgreich Tritt gefasst

Die Last war dem Neuen an der Spitze anzusehen. Er wirkte auf offener Bühne unbeholfen, agierte wenig geschickt. Ein Radio-Interview in den USA in englischer Sprache missglückte. Inzwischen hat Müller Tritt gefasst. Er vertritt den Konzern selbstbewusster als zu Anfang, versprüht Charme und Witz.

"Ich betrachte es als sportliche Herausforderung", sagt der Tennisfan mit bayerischer Sprachfärbung. Das sicherere Auftreten hängt auch mit ersten Fortschritten bei der Aufarbeitung des Abgasskandals und dem Umbau des Konzerns zusammen.

Der erste Milliarden-Vergleich mit den US-Umweltbehörden ist vereinbart, das Eis damit gebrochen. Mit seinen rund 650 US-Händlern hat sich der Konzern auf eine Entschädigung geeinigt, mit den US-Justizbehörden gibt es Verhandlungen über die Höhe der Strafe für die Manipulation. In Europa läuft die grossangelegte Rückrufaktion von Dieselfahrzeugen zur Umrüstung auf Hochtouren.

Verkrustete VW-Strukturen

Dem Wolfsburger Traditionskonzern hat Müller eine neue Führungskultur verordnet, hat Manager an Schlüsselpositionen ausgetauscht und die Macht der Konzernzentrale beschnitten. Er will den Wolfsburger Tanker mit seinen zwölf Marken umkrempeln, ihn fit für die neuen Mobilitätsdienste machen und in der Elektromobilität ganz vorne mitspielen.

Der versprochene Kulturwandel steckt nach Meinung von Experten jedoch fest. "Ich erkenne nicht, dass die verkrusteten Strukturen aufgebrochen werden", bemängelt Stefan Randak, Autoexperte der Beratungsfirma Atreus. Müller habe die beste Absicht, VW in die richtige Richtung zu lenken. "Aber das schafft er nicht alleine."

Nach Einschätzung von Experten gibt es im Management eben noch viele Anhänger der Ära Piech und Winterkorn, die erst überzeugt werden müssten. Müller selbst bittet um Geduld: "In dem Konzern hat sich über zehn, zwanzig Jahre eine Kultur festgesetzt und jetzt müssen wir diese Kultur sukzessive verändern."

Eine grosse Baustelle

Nach Meinung von Arndt Ellinghorst von Evercore ISI versucht Müller, die Krise für den Umbau zu nutzen. "Ich habe aber das starke Gefühl, dass die Politiker im Aufsichtsrat in alte Verhaltensmuster zurückfallen und VW für Lokalpolitik zweckentfremden. Dadurch steht man sich selbst auf den Füssen." Auch der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sieht Volkswagen noch lange nicht am Ziel.

Angesichts des starken Einflusses der Familien Porsche und Piech, der Gewerkschaft und des Landes Niedersachsen seien die Erwartungen wohl zu hoch. VW sei eine grosse Baustelle, sagt Pieper. Müller nehme man ab, dass er ein offener Geist sei. "Unter dem Strich habe ich aber noch nicht den Eindruck, dass alle in eine Richtung wollen."

Unterdessen sind die Verantwortlichen für die Manipulation immer noch nicht benannt. Der Bericht der US-Kanzlei Jones Day über die internen Untersuchungen soll erst in einigen Monaten veröffentlicht werden.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Chef Winterkorn und den amtierenden VW-Markenchef Herbert Diess wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Auch bei den Aufräumarbeiten zum Dieselskandal liegen noch einige Brocken im Weg.

Gerichtsentscheide sind noch offen

Völlig unklar ist etwa, wie die Gerichte die vielen Schadenersatzklagen von Investoren und Kleinanlegern entscheiden. Sie werfen VW vor, die Öffentlichkeit zu spät über die Manipulationsvorwürfe informiert zu haben.

Müller will angesichts der Mammutaufgabe nicht verzagen. Wenn mache im Unternehmen glaubten, das Ganze gehe auch wieder vorbei und man könne zu alten Gewohnheiten zurückkehren, sobald die Abgaskrise überwunden sei, so hätten sie sich geirrt. "Abgaskrise hin oder her, dieser Konzern muss sich reformieren", gibt er sich Müller kämpferisch.

Andere sind skeptischer: "Ich denke, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt - maximal noch das kommende Jahr", sagt Autoexperte Randak. "Entweder wirft er dann das Handtuch, oder man wirft ihm das Handtuch zu."

(Reuters)