Ein Ölriese im Umbruch - Saudi-Arabiens langsamer Wandel

Saudi-Arabien plant einen radikalen Umbruch von einer Ölwirtschaft zu einer diversifizierten Ökonomie, was mit einem riesigen Privatisierungs- und Investitionsprogramm gelingen soll.
07.05.2017 15:01
Saudi Arabien auf einem Globus.
Saudi Arabien auf einem Globus.
Bild: Pixabay

Wer im Königspalast in Dschidda Schlange für den Handschlag mit König Salman bin Abdelasis Al-Saud steht, kann den Eindruck bekommen, dass in Saudi-Arabien alles beim Alten ist. Von saudischer Seite tummeln sich in dem prunkvollen Raum nur Männer. Aber als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vergangene Woche vor die Kameras trat, klang sie ganz anders. "Ich habe den Eindruck, dass das Land hier im Umbruch ist", sagt sie nach einem Gespräch mit saudischen Unternehmerinnen. Sie lobt eine grosse Dynamik im Land.

Tatsächlich wird dies an vielen Stellen sichtbar, etwa in der Künstler-Ausstellung "Dschidda 21,39" in der King Abdullah Economic City, in der gerade auch gesellschaftskritische Werke ausgestellt werden. Wirtschaftlich plant das Land einen radikalen Umbruch von einer Ölwirtschaft zu einer diversifizierten Ökonomie, was mit einem riesigen Privatisierungs- und Investitionsprogramm gelingen soll. Gesellschaftlich gelten zwei Entwicklungen in dem streng islamischen Land als Sensation: In ihrer "Vision 2030" peilt die Regierung jetzt an, dass die Frauenerwerbstätigkeit bis 2030 auf 30 Prozent wachsen soll – in einem Land, in dem Frauen bis heute nicht einmal Auto fahren dürfen.

Zudem sind seit vier Monaten erstmals öffentliche Konzerte und Theaterstücke erlaubt. Selbst der von der religiösen Führung in dem sunnitischen Golfstaat verpönte Unterhaltungs- und Kultursektor gilt plötzlich als Zukunftsbranche. Zwar verhindern religiöse Vertreter den Bau eines Kinos. Aber Ahmed al-Khatib, Chef der Unterhaltungsbehörde (GEA), sagt im Reuters-Interview, dass die Konservativen langsam lernen würden, dass die jungen Saudis unter 30 Jahren - das sind 70 Prozent der Bevölkerung - eine Öffnung wollen.

"Es ist die Aufgabe Deutschlands, hilfreich zu sein", sagt Merkel. Und die sie begleitenden Unternehmensvertreter wie Siemens-Chef Joe Kaeser oder der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, klingen ähnlich. Also will die Bundesregierung künftig saudische Soldaten, Polizisten und Grenzschützer ausbilden – mit einem besondere Schwerpunkt auf die Ausbildung von Frauen. Also wollen Regierung und Unternehmen die berufliche Bildung in dem Land vorantreiben. Also bietet Merkel deutsche Hilfe bei der Vermittlung im Bürgerkrieg in Jemen an, in den das Nachbarland Saudi-Arabien tief verstrickt ist.

Deutschland hilft gerne - aus eigenem Interesse

Ganz uneigennützig ist der deutsche Beitrag nicht. Zum einen ist Merkel als amtierende G20-Präsidentin zu den Abstimmungen mit dem König, dem Kronprinz und dem stellvertretenden Kronprinz nach Dschidda gereist. Wenn der G20-Gipfel in Hamburg Anfang Juli ein Erfolg werden soll, braucht sie die Unterstützung auch des Ölriesen Saudi-Arabiens in Fragen wie Klima oder Freihandel. Das Königreich ist aber auch ein wichtiger Mitspieler in Syrien, wo es die Anti-Assad-Koalition unterstützt und sich am Anti-IS-Kampf beteiligt.

Dazu kommen massive wirtschaftliche Interessen. Seit aus den USA protektionistische Töne kommen, bemühen sich deutsche Firmen verstärkt um neue Märkte. Weil der Handel mit Saudi-Arabien aufgrund der finanziellen Probleme des Landes im vergangenen Jahr um ein Viertel eingebrochen war, sieht man nun Nachholbedarf - zumal Briten, Japaner, Koreaner und andere längst um Aufträge werben.

Vize-Wirtschaftsminister Mohammed al-Tuwaidschri lockt im Reuters-Interview mit riesigen Summen. Zum einen soll der Börsengang des Ölriesen Aramco viel Geld in die Kassen des staatlichen Investitionsfonds spülen. Zum anderen hat das Privatisierungsprogramm ein Volumen von rund 200 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass sich Siemens und SAP über Absichtserklärungen bei der Digitalisierung des Landes freuen.

Gesellschaftlicher Wandel in Aussicht

Die saudische Regierung ist dabei eine Getriebene. Jedes Jahr müssen nach Angaben des saudischen Arbeitsministeriums für 210.000 zusätzliche Menschen ein Job gefunden werden - und das bei einem zuletzt sehr niedrigen Wachstum. Die Einnahmen aus den Ölverkäufen, die einen Grossteil des Staatseinkommens ausmachen, sind eingebrochen. "Vor 15 Jahren war Saudi-Arabien ein Land, das durch seine Einnahmen vom Erdöl das gesamte Land bezahlen konnte", sagte Merkel. "Heute muss das Geld auf einem anderen Weg verdient werden."

Das beschleunigt die Suche nach ausländischen Partnern in vielen Feldern wie der Luftfahrt – und nach gesellschaftlichem Wandel. Denn es wird erwartet, dass der Abbau der Subventionen viele saudische Familien zwingt, auf zwei Einkommen zu setzen. Das eröffnet die Chance für Frauen, aus ihrer Randrolle in der Gesellschaft mehr ins Zentrum zu rücken.

In Menschenrechtsfragen gebe es in Saudi-Arabien weiter schwere Defizite, mahnte die Kanzlerin am Montag im vergleichsweise liberalen Abu Dhabi. Die Verhaftung von 46 mutmasslichen islamistischen Extremisten am Rande ihres Besuches zeigen die Spannungen in einer Gesellschaft, in der viele der konservativen Beduinen einen Wandel ablehnen. 

(Reuters)