Ein Wahlkampf wie in einem Entwicklungsland

Die Finanzmärkte haben Mühe, den amerikanischen Wahlkampf einzupreisen. Im extremsten Fall könnte es zu einer Überraschung wie bei der Brexit-Abstimmung kommen.
15.10.2016 10:29
Hillary Clinton gilt als Favoritin auf die US-Präsidentschaft.
Hillary Clinton gilt als Favoritin auf die US-Präsidentschaft.
Bild: Bloomberg

Der mexikanische Peso stieg zu Beginn des zweiten Schlagabtauschs von Hillary Clinton und Donald Trump im Fernsehen zunächst um zwei Prozent zum Dollar, als es um ein Video mit diskriminierenden Äusserungen von Trump über Frauen ging. Zum Ende der Debatte notierte die Währung, die als Wahlkampfbarometer gilt, mit einem Plus von 1,3 Prozent noch auf einem Einmonatshoch.

Nur Minuten nach der ersten US-Wahlkampfdebatte im Fernsehen hatten Investoren entschieden, dass Clinton ihren Rivalen Trump in den Schatten gestellt hat. Das, so folgerten sie, würde dazu beitragen, den Schwung des von vielen von ihnen gefürchteten Kandidaten zu bremsen, und so trieben sie den Peso in die Höhe.

Was aber, wenn die TV-Debatten gar nicht zählen? Was, wenn sich herausstellt - wovon viele Analysten ausgehen - dass die Unterstützung für Trumps Kandidatur nicht durch Entwicklungen bei traditionellen Wahlkampfveranstaltungen gemessen werden kann?

Unvermögen, das zu verstehen, könnte an den Märkten zu der Art von Fehltritten und Turbulenzen führen, wie sie nach der Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen, auftraten.

Misstrauen und Verschwörung: Wie in einem Entwicklungsland

"Es ist eine ungewöhnliche Verknüpfung, aber wir blicken weiterhin durch diese Art von Linse", sagt Tina Fordham, Chefanalystin für globale Politik bei Citigroup in London. "Was, wenn alles falsch ist, weil Gesellschaft, Technologie, Meinungsumfragemethoden und alles andere nicht mehr in der Lage sind, marginalisierte Wähler so zu erfassen wie es früher möglich schien?"

Fordham sagt, dieser Wahlkampf sei eher wie in einem Entwicklungsland, wo das öffentliche Misstrauen in die Regierung hoch ist und Verschwörungstheorien hoch im Kurs stehen. Den Märkten sei offenbar nicht bewusst, wie sehr dieses geringe Vertrauen das Risiko einer Anti-Establishment-Wahl erhöhe, stimmt ihr Vincent Chaigneau zu, weltweiter Leiter Zins- und Devisenstrategie bei Société Générale in London.

Händler erwarten nach der Wahl eine Ein-Tages-Bewegung von rund 1,6 Prozent beim S&P 500 - weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Ausschlags nach den beiden vorherigen Wahlen, wie Pravit Chintawongvanich, Leiter Derivate-Strategie bei Macro Risk Advisors in New York, erklärt.

Clinton-Sieg und gespaltener Kongress

"Der grösste Konsens am Markt ist derzeit, dass wir einen leichten Sieg für Clinton und einen zweigeteilten Kongress in Washington bekommen werden", sagt David Woo, globaler Leiter Zinsen und Devisenstrategie bei Bank of America Merrill Lynch in New York. "Ich glaube nicht, dass der Markt es jemals für möglich hielt, dass Trump eine Herausforderung für Clinton darstellen könnte."

Wie auch andere Analysten sagt David Rothschild, Ökonom bei Microsoft Research in New York, die Märkte seien unfähig, bisher beispiellose nicht-ökonomische Schocks zu verstehen und einzupreisen.

Ein historischer Blick auf die Reaktion der Märkte auf politische Ereignisse zeige, dass Investoren, wenn sie mit Unbekanntem oder Ungewöhnlichem konfrontiert werden, auf ein Ergebnis setzen, das sie bevorzugen - egal wie wahrscheinlich dies ist.

Dass Händler einem Ergebnis den Vorzug geben, das steigende Märkte favorisiere, vereinfacht Rothschild zufolge die Realität.

Überraschung wie bei Brexit?

Mit Blick auf einen Präsidenten Trump fürchten Investoren verbreitet seine mangelnde Berechenbarkeit - nicht nur bei wirtschaftspolitischen Vorhaben, sondern auch in Bezug auf die nationale Sicherheit, so die Analysten.

Einige sagen, landesweite telefonische Meinungsumfragen hätten sich in jüngster Zeit oftmals als nicht zutreffend erwiesen, wie etwa bei Brexit sowie den Wahlen in Griechenland und Israel. Daher wird nach anderen Indikatoren für die öffentliche Stimmung gesucht.

Sowohl Woo als auch Paul Christopher vom Wells Fargo Investment Institute in St. Louis erklären, sie achten stärker auf die staatlichen Umfragewerte für die Senatswahlen und beobachten, ob sich diese Daten im Einklang mit den Gewinnen oder Verlusten der Kandidaten bewegen.

Fordham konzentriert sich auf die Gallup World Poll zur öffentlichen Gesundheit, die eine Analyse der Gesundheitsdaten der Trump-Anhänger über zwei Jahrzehnte ermöglicht. Die Daten zeigen eine Korrelation zwischen dem Anstieg der Menschen, die schwierige Zeiten durchmachen - gemessen in Selbstmordraten, Depressionen, psychischen Erkrankungen und Drogenabhängigkeit - und einem Anstieg der Popularität von Trump auf, wie Fordham erläutert.

"Das ist etwas, was Investoren normalerweise nicht machen, aber es liefert einen nützlichen anderen Ansatz, die Dinge zu sehen, weil Einkommensungleichheit allein nicht ausreicht", sagt sie.  

(Bloomberg)