Einkaufstourismus der Schweizer auf Allzeithoch

Gewissens-Appelle und tiefere Preise haben 2012 den Schweizer Einkaufstourismus nicht abbremsen können. Die deutschen Zollbehörden vermelden für das abgelaufene Jahr eine Rekordzahl an abgestempelten Ausfuhrscheinen.
26.03.2013 15:43
Von Frédéric Papp
Vor allem Lebensmittel stehen bei Schweizer Einkaufstouristen hoch im Kurs.

4,74 Millionen Ausfuhrbescheinigungen hat das Hauptzollamt Lörrach und seine 13 Zollämter im Jahr 2012 abgestempelt und übertrifft damit wie erwartet den Rekordstand aus dem Vorjahr bei 3,91 Millionen Stück, meldet das Zollamt am Dienstag. Das entspricht einer Zunahme von 22 Prozent. Mit den Ausfuhrbescheinigungen – den berühmten "grünen Zetteln" – fordern Schweizerinnen und Schweizer die deutsche Mehrwertsteuer von 19 Prozent zurück.

Neue Höchststände erwartet auch das Hauptzollamt Singen, das am 9. April die definitiven Zahlen präsentieren wird: "Die Ausfuhrbescheinigungen werden auch für das Gesamtjahr 2012 auf einen neuen Rekordstand klettern", sagt Michael Hauck, Sprecher des Hauptzollamts Singen, zu cash. Aufgrund der massiven Zunahme der "grünen Zetteln" in Lörrach und der Neunmonats-Zahlen von September kann in Singen mit mindestens 9 Millionen Ausfuhrbescheinigungen gerechnet werden. Im Vorjahr wurden gut 7,1 Millionen grüne Zettel abgestempelt.

Insgesamt beläuft sich die Anzahl "grüner Zettel" auf annähernd 14 Millionen Stück. Das sind drei Millionen mehr als ein Jahr zuvor. "Ganz oben auf der Einkaufsliste der Schweizer stehen wie jedes Jahr Lebensmittel und Drogerieartikel", sagt Hauck. Beliebt seien auch Schmuck, Bekleidung, KFZ-Zubehör, Möbel sowie Uhren und Heimwerkerbedarf.

Diese Rekordzahlen sind für den Schweizerischen Gewerbeverband quasi ein Schlag in die Magengegend. Unter dem Motto "Ja zur Schweiz – Hier kaufe ich ein" lancierte der Verband im April 2012 eine Schmusekampagne gegen den grenznahen Einkaufstourismus. Der Verzicht auf den Einkauf im Ausland sei ein bewusster Entscheid und ein Zeichen von Stolz auf die Schweiz mitsamt seinen Errungenschaften, schrieb der Verband in seinem Communiqué. Der Appell an das Gewissen der Schweizer und Schweizerinnen liess sich der Gewerbeverband 250'000 Franken kosten. Wie sich nun zeigt, ist das Geld wirkungslos verpufft.

Auf Schnäppchenjagd ennet der Grenze

Zu gross bleibt die Verlockung, günstige Waren ennet der deutsch-schweizerischen Grenze zu erwerben und dies, obwohl die Detailhandelspreise im Ausland leicht angezogen haben und die Preise hierzulande seit vier Jahren rückläufig sind. Allerdings soll der Preisrutsch im Schweizer Detailhandel zu einem Ende kommen. Dies zumindest erwartet Migros-Chef Herbert Bolliger. Er rechne in diesem Jahr mit stabilen oder leicht steigenden Preisen, sagte er in einem Interview. Ob damit die Neigung der Schweizer, jenseits der Landesgrenzen von den tieferen Preisen zu profitieren, weiter angekurbelt werde, bestritt der Migros-Chef.

Fest steht: Die Schweizer Konsumenten kaufen, was das Zeug hält. Laut einer Studie der Credit Suisse hat der Einkaufstourismus im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf gegen 6 Milliarden Franken zugenommen. Im Jahr davor waren es noch 4,8 Milliarden Franken gewesen.

Haupttreiber des Einkaufstourismus ist der nach wie vor starke Franken. Dieser bewegte sich gegenüber dem Euro 2012 in einem engen Kursband zwischen 1,20 und 1,22. Das Gros der Devisenauguren rechnen für das laufende Jahr mit einem durchschnittlichen Wechselkurs von 1,23 Franken. Der Franken dürfte somit stark bleiben und damit den Einkaufstourismus weiter stützen.