Emerging Markets - Was ist dran am Schwellenländer-Hype?

Schwellenländer-Aktien gehören derzeit zu den Lieblingen der Analysten. Bloss: Die Märkte in Brasilien, China und anderswo sind aber unverändert risikoreich. Eine Entscheidungshilfe für Anleger.
02.05.2017 06:45
Von Ivo Ruch
Blick auf Rio de Janeiro: Brasilien gehört einmal mehr zu den wirtschaftlichen Hoffnungsträgern.
Blick auf Rio de Janeiro: Brasilien gehört einmal mehr zu den wirtschaftlichen Hoffnungsträgern.
Bild: Bloomberg

Wer die zahlreichen Researchberichte von Banken und Brokern durchsieht, bekommt momentan den Eindruck, in den Schwellenländern herrsche so etwas wie Goldgräberstimmung. Die amerikanische Grossbank J.P. Morgan bezeichnet Schwellenländer-Aktien als Anlageklasse mit der höchsten zu erwartenden Rendite im nächsten Jahrzehnt: Mehr als 8 Prozent pro Jahr soll sie betragen.

Der Hype von Schwellenländer-Aktien zeigt sich auch am Verlauf des MSCI Emerging Markets, der wichtigsten Fieberkurve von Aktienmärkten in China, Brasilien, Indien oder Russland. Vor rund einem Jahr auf dem tiefsten Stand seit sechseinhalb Jahren angekommen, hat der Index im laufenden Jahr rund 14 Prozent zugelegt (siehe Chart). Wie einer Auflistung von Hinder Asset Management zu entnehmen ist, sind in Schweizer Franken gerechnet nur europäische und Schweizer Small Caps bislang erfolgreicher unterwegs.

Ein solcher Anstieg stellt immer die Frage nach der Fortsetzung. Zum Beispiel in Indien, wo der wichtigste Börsenindex Sensex im laufenden Jahr 12 Prozent im Plus steht und von Rekordhoch zu Rekordhoch eilt. Indien ist eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Für 2017 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 7,2 Prozent. Zum Vergleich: Für die Region der Schwellenländer beträgt die IWF-Prognose 4,5 Prozent und für die gesamte Welt 3,5 Prozent.

Doch indische Aktien sind teuer geworden. Der deutsche Vermögensverwalter StarCapital berechnet ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25 – unter den Schwellenländern der höchste Wert. Indien gilt zwar traditionell als teurer Markt, wie Spezialist Hiren Dasani kürzlich gegenüber cash sagte. Als "Schnäppchen" für Anleger kann der Markt trotzdem nicht mehr bezeichnet werden.

Für China eine Prognose zu machen ist hier besonders schwierig, weil staatliche Wirtschaftsdaten als wenig zuverlässig gelten. Dennoch: Offizielle wie auch unabhängige Statistiken erkennen eine leichte Erholung der chinesischen Wirtschaft, nachdem Sorgen um das dortige Wachstum im Herbst 2015 die globalen Finanzmärkte auf Talfahrt geschickt hatten. Die folgende Grafik des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners verdeutlicht diesen Trend.

Doch jüngst ist der chinesische Aktienmarkt wieder unter Druck gekommen. Der Shanghai Composite steht praktisch dort, wo er das Jahr begonnen hatte.  Mit ein Grund für die Kursschwäche waren Befürchtungen, dass Chinas Führung die anziehende Konjunktur dazu nutzen könnte, die Risiken an den Finanzmärkte durch eine striktere Kontrolle zu reduzieren.

Dennoch sind chinesische Aktien vielerorts beliebt. Michael Wang, Aktienstratege bei ETF Securities in London, schreibt auf Anfrage: "Wir finden chinesische Aktien attraktiv, weil die Wirtschaft das deflationäre Umfeld verlässt." Auch die Währungsrisiken seien kleiner geworden, da sich die Kapitalabflüsse verringert hätten. Auch die Bank Julius Bär hat China auf der Liste der Aktien-Opportunitäten.

Brasilien als Langfrist-Chance

Brasilien und Russland sind hingegen zwei Länder, die eben erst eine Phase der Rezession verlassen haben. Beide Finanzmärkte haben über die letzten 52 Wochen gut performt: MSCI Brazil +27 Prozent, MSCI Russia +15 Prozent. Insbesondere in Russland haben die Kurse aber mittlerweile korrigiert, nachdem die Wahl von Putin-Sympathisant Donald Trump und steigende Ölpreise vorübergehend für gute Stimmung gesorgt hatten. Doch gerade wegen der Ölpreis-Abhängigkeit sind viele Beobachter skeptisch gegenüber Investitionen in Russland. Problematisch sind auch die grassierende Korruption im Land und die hohe Staatsbeteiligung an russischen Firmen. Sie soll mit 70 Prozent doppelt so hoch sein wie 2005.

Brasilien auf der anderen Seite dürfte sich allmählich von den politischen Turbulenzen der Vergangenheit erholen. Das mit Agrar- und Rohstoffen gesegnete Land gehört mit KGV 19 auch nicht mehr zu den ganz günstigen Märkten. Für Experte Michael Wang sind brasilianische Aktien aber dennoch langfristig attraktiv: "Die Wirtschaft erholt sich und das Gewinnwachstum der Unternehmen dürfte sich weiter verbessern."

Viele "Emerging Markets" gelten als mögliche Hauptopfer einer aggressiven amerikanischen Handelspolitik. Auch wenn die Thematik etwas von der Agenda verschwunden ist, bleiben drohende Handelshemmnisse eine grosse Gefahr für Länder wie Mexiko oder China. Auch ein weiterer Anstieg des Dollars könnte den Druck auf die Schwellenländer erhöhen, da viele von ihnen hohe Schuldenberge in der US-Währung vor sich herschieben. Der Schwellenländer-Hype hat also sicher seine Berechtigung. Für Anleger gehört die Region aber nach wie vor zu den risikoreichen Investments.

Performance ausgewählter Schwellenländer-Börsen, in US-Dollar

Aktienmarkt Performance 2017, in %
Indien +20
Türkei +20
Südkorea +19
China +16
Mexiko +16
Brasilien +9
Südafrika +9
Thailand +7
Ägypten +0
Russland -6

Quelle: MSCI, alle Werte in US-Dollar