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«Ende der Bilateralen I wäre der Worst Case»

Das Säbelrasseln der EU gegen die Schweiz nach der Migrationsabstimmung werde bald nachlassen, sagt Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff im cash-Börsen-Talk. Und er hat eine Empfehlung für Aktien-Anleger.
14.02.2014 01:00
Von Daniel Hügli
Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen-Gruppe, im Börsen-Talk vom 14. Februar 2014.
Bild: cash

"Der Worst Case für die Schweiz wäre die Kündigung der 'Bilateralen I'". Das sagt Martin Neff im cash-Börsen-Talk, der sich diese Woche schwerpunktmässig mit den Folgen der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative befasst.

Bei einem Wegfall der Bilateralen I, die seit Mitte 2002 in Kraft sind, hätte die Schweiz ein grosses Problem, so Neff. Diese bilateralen Verträge bestehen aus insgesamt sieben Abkommen und sind Marktöffnungsverträge zu den gebieten Land- und Luftverkehr, Landwirtschaft oder eben Personenfreizügigkeit.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sprach am Mittwoch von der Möglichkeit, dass Schweizer Bürger das Recht verlieren könnten, in der EU zu leben und zu arbeiten. Dieses Szenario würde dann eintreffen, wenn Brüssel das Freizügigkeitsabkommen mit der Schweiz kündigen würde. Die Schweiz müsse begreifen: "Pacta sunt servanda", sagte er - auf Deutsch: "Verträge sind einzuhalten." Ausserdem betonte er erneut, dass die Personenfreizügigkeit nicht verhandelbar sei.

Allerdings glaubt Neff nicht, dass die "Bilateralen I" verschwinden: "Nach dem ersten Säbelrasseln aus der EU wird es deutlich ruhiger werden, und dann wird die Diplomatie das Sagen haben. Und es ist nicht so, dass die Schweiz bei den Verhandlungen gar nichts in die Waagschale werfen kann. Wir haben gewisse Assets, die auch für Europa von Bedeutung sind."

Geharnischte Reaktionen

Die geharnischten Reaktionen der EU sind zwar "Gefahr, aber auch Hoffnung für die Schweiz", sagt Neff weiter. Letzteres deshalb, weil sich die EU aufgrund der vielen sympathisierenden Reaktionen in den Mitgliedsländern ein allzu hartes Vorgehen gegen die Schweiz gar nicht erlauben darf.

Die EU ist die wichtigste Partnerin der Schweiz. Das gilt auch für die Wirtschaft. Rund zwei Drittel der Schweizer Exporte gehen in den Euroraum. Bei den Reaktionen aus der Schweizer Wirtschaftswelt nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hatte Neff diese Woche ein Déjà-vu-Erlebnis: "Die Reaktionen erinnern mich extrem an den 6. Dezember 1992 nach der EWR-Abstimmung". Damals wie heute könne die Schweizer Wirtschaft noch nicht richtig mit der Niederlage umgehen.

Neff, ursprünglich selber Deutscher, wehrt sich aber dagegen, die Zeit nach 1992 mit einer möglichen Entwicklung nun für die kommenden Jahre zu vergleichen. Nach der EWR-Abstimmung hatte die Schweiz jahrelang kein Wachstum. "Aber die Schweiz steckte damals mitten in einem Immobilien-Crash, und das Land führte ein Revitalisierungsprogramm für die Schweizer Wirtschaft ein", so Neff. "Es fanden Korrekturen statt von Exzessen aus den 80er Jahren."

Prognosen, wonach in der Schweiz über die nächsten drei Jahre rund 80'000 Arbeitsplätze weniger geschaffen werden und geringere Dynamik auf dem Arbeitsmarkt zu einem um 0,3 Prozentpunkte tieferen Wirtschaftswachstum führten, bezeichnet der Raiffeisen-Chefökonom als "weder richtig noch falsch". Allerdings würden die Schätzwerte wohl näher bei den heutigen Zahlen liegen, "denn wir werden nach wie vor Migration haben", gibt sich Neff bezüglich der Schweizer Wirtschaftsentwicklung einigermassen optimistisch.

Vieles ist an der Börse schon eingepreist

Der Swiss Market Index reagierte am Montag kaum auf das Abstimmungsergebnis vom Tag zuvor - was Neff etwas in Erstaunen versetzte. "Ich hätte eher eine negative Reaktion erwartet, weil die Szenarien der Wirtschaft derart düster waren."

Für den weiteren Jahresverlauf des SMI ist Neff gar nicht "bullish". Er hat ein Kursziel von 7800 Punkten für den SMI auf das Jahresende 2014, "wobei dies eine Prognose ist, die wir schon Mitte Dezember aufgestellt haben", sagt der Raiffeisen-Chefökonom. Sein Fazit: "Es gibt kein Super-Aktienjahr, aber auch keinen Absturz."

Und er hat eine Empfehlung für Aktien-Anleger: "Wer keine Nerven hat, dem würde ich jetzt nicht unbedingt einen Einstieg empfehlen. Die ganze Finanz-Community warte auf eine Korrektur des Marktes. "Denn jeder weiss, dass in den heutigen Bewertungen schon viel eingepreist ist", sagt Neff.

Im cash-Börsen-Talk äussert sich Martin Neff auch zu den Auswirkungen der Migrationsabstimmung auf den Schweizer Wohnungsmarkt und zu den Jahreszahlen der SMI-Unternehmen von dieser Woche.