«Entscheidend sind die Folgen für US-Konjunktur und Firmengewinne»

Die Märkte wurden vom Wahlsieg Donald Trumps überrascht. Kapitalmarktexperte Tilmann Galler von J.P. Morgan sagt im cash-Interview, welche Faktoren nach der Trump-Wahl nun wichtig sind und warum Panik nicht viel hilft.
09.11.2016 12:38
Interview: Marc Forster
Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgen Asset Management in Frankfurt.
Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei J.P. Morgen Asset Management in Frankfurt.
Bild: ZVG

Während sich in der Nacht zum Mittwoch die Gewissheit durchsetzte, dass Donald Trump nächster US-Präsident wird, begannen Aktienmärkte weltweit zu fallen. Tilmann Galler von J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt erklärt im cash-Interview, weswegen die Märkte sich erst einmal wieder fangen müssen. Er schätzt aber auch die neuen Rahmenbedingungen in Washington ein und sagt, warum "politische Börsen" seiner Meinung nach eher kurze Beine haben.

cash: Die Märkte begannen heute Nacht zum Teil stark zu fallen. Wie lange braucht es bis zu einer Form von «Normalisierung»?

Tilmann Galler: Erst einmal werden wir wohl einige Tage erleben, in denen die Kapitalmärkte das Ergebnis verdauen müssen. Analog zum Brexit-Votum am 23. Juni lagen die Meinungsumfragen und damit die Erwartungen der Märkte auf der falschen Seite. Bis schätzungsweise Freitag wird es so weitergehen, weil man die neuen Machtverhältnisse in Washington versucht zu bewerten.

In der Schweiz indessen steigt der SMI beim Handelsbeginn, was stark an den Pharmawerten Novartis und Roche liegt. Wie erklären Sie sich dies?

Der Pharmasektor reagiert stark, weil im Vorfeld Angst vor einem Wahlsieg Hillary Clintons in den Märkten war. Mit ihr wäre der regulative Druck auf die Pharmabranche eher gestiegen und die Margen wären unter Druck gekommen. Die grossen Ängste fallen nun weg, nicht nur in der Schweiz. Europäische und US-Pharmawerte dürften sich behaupten.

Sehen Sie einen Sektor, der speziell leiden wird?

Sicherlich Exportunternehmen. Diese dürften sich Sorgen machen, wie die Handelsbeziehungen weitergehen werden. Die Frage ist, ob bestehende Abkommen erhalten bleiben oder Zölle hochgezogen werden.

Die Republikaner halten die Mehrheit im Senat und im Repräsentantenhaus. Wie werten Sie somit die gesamte politische Lage in den USA und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft?

Man sollte berücksichtigen, dass trotz klarer republikanischer Dominanz im Weissen Haus und im Kongress Unterschiede bestehen. Der Kongress dürfte als Korrektiv zu Donald Trump wirken. Trump fuhr ganz stark eine Anti-Establishment-Kampagne – mit grossen Erfolg offensichtlich, vor allem in den wirtschaftlich schwierigen Bundesstaaten. Er war gewissermassen ein unabhängiger Kandidat mit 'republikanischem Ticket'. Im Kongress, auch bei den Republikanern, ist dieses von ihm bekämpfte Establishment nach wie vor stark. Mit diesem muss er zusammenarbeiten.

Bleibt damit alles wie gehabt?

Ich erwarte schon einen Politikwandel, etwa beim Gesundheitssystem Obamacare. Aber bei anderen Fragen dürfte der Kongress bremsend auf Trump einwirken. 'Checks and Balances', also die Gewaltentrennung der USA, bleibt bestehen.

Wie werden sich in den nächsten Tagen Anlageklassen ausserhalb der Aktien entwickeln?

Man muss zwischen der kurz- und der längerfristigen Reaktion differenzieren. Kurzfristig ist es schwierig zu sagen, wie lange es dauert, bis das Ergebnis verdaut ist. Was wir sehen: US-Anleihen steigen heftig, Gold ist eher gefragt. Dieser Trend wird einige Tage anhalten, aber fundamental ist entscheidend, wie negativ sich der republikanische Sieg für die Konjunktur und die Unternehmensgewinne auswirken wird. Da sehe ich noch keinen unmittelbar negativen Einfluss. Die US-Konjunktur ist in einem guten und robusten Zustand.

Was raten Sie Anlegern?

Der Stein ist ins Wasser gefallen, und es bilden sich grössere Wellen. Aber irgendwann stellt man fest: Die Geschäfte gehen weiter, die Unternehmen verdienen weiter Geld. Was politisch geschieht, ist ja noch nicht klar: Das EU-USA Handelsabkommen TTIP, das US-Verhältnis zu China. Was politisch verabschiedet wird, steht auf einer anderen Medaille. Politische Risiken gibt es auch anderswo, etwa mit dem italienischen Verfassungsreferendum am 4. Dezember, der Brexit ist noch nicht umgesetzt. Daher ist es notwendiger denn je, dass Anleger sich global und breit aufstellen, um lokale politische Risiken abfedern zu können. Mit höheren Schwankungen muss man aber auf jeden Fall rechnen.