Erhöhen Niedrigzinsen die Ungleichheit?

Die lockere Geldpolitik der Notenbanken führt zu mehr Ungleichheit in der Bevölkerung, so die These vieler Kritiker. Eine studie der Deutschen Bundesbank gibt Gegensteuer.
24.09.2016 05:08
Ein Verteidiger tiefer Zinsen: EZB-Präsident Mario Draghi.
Ein Verteidiger tiefer Zinsen: EZB-Präsident Mario Draghi.
Bild: Bloomberg

Die Behauptungen, dass eine lockere Geldpolitik zu grösserer Ungleichheit führe, seien "sehr zweifelhaft", und die niedrigen Zinsen könnten sogar die Einkommensungleichheit reduzieren, ergab eine Studie der Deutschen Bundesbank.

"Die vielerorts zu lesende Aussage, die geldpolitischen Sondermassnahmen hätten erwiesenermassen die Ungleichheit erhöht, lässt sich nicht erhärten", ging aus einer Analyse der deutschen Notenbank hervor, die im Monatsbericht September veröffentlicht wurde.

"Sie wird aus Betrachtungen abgeleitet, die auf einer unstatthaften Pars-pro-toto-Annahme basieren, erst verzögert auftretende Verteilungseffekte vernachlässigen und nicht das richtige Referenzszenario zugrunde legen."

Schwierige Ursachenforschung

Die Resultate werden in Deutschland, wo sich einige der stärksten Gegner der ultra-lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) befinden, wohl kaum problemlos aufgenommen. Die niedrigen Zinsen enteignen Sparer und führen zu Altersarmut, argumentieren die Kritiker. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat in diesem Jahr gesagt, dass der gegenwärtige geldpolitische Kurs das Misstrauen gegenüber europäischen Institutionen geschürt und populistischen Gruppierungen in die Hände gespielt habe.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, einer der beiden Deutschen im EZB-Rat, hatte zuvor seine Landsleute erinnert, dass sie nicht nur Sparer seien, sie seien auch Arbeitnehmer, Steuerzahler und Schuldner, und profitierten als solche vom niedrigen Zinsniveau.

Die Beurteilung des Einflusses der Geldpolitik auf die Ungleichheit ist laut der Studie teilweise auch schwierig, weil Notenbanken generell auf gegebene Konjunktur-Parameter reagieren. Damit wird es schwierig zu unterscheiden, welche Effekte Folge ihrer Massnahmen sind und welche durch die Wirtschaft verursacht wurden. Um die Wirkung zu verstehen, wäre auch nötig zu wissen, wie sich die Lage ohne geldpolitische Massnahmen entwickelt hätte.

Zentralbanken verfolgen andere Ziele

Mit einer Reihe von Studien versucht die Bundesbank zu zeigen, dass die Geldpolitik generell schwache Verteilungswirkungen hat, und dass niedrige Zinsen manchmal sogar dazu beitragen können, die Verteilungsungleichheit zu mindern.

In der Studie heisst es, dass Verteilungseffekte kein Ziel für eine Zentralbank sein können, deren Mandat die Gewährleistung von Preisstabilität ist, diese aber auch nicht ignoriert werden können.

Die Verteilungssituation beeinflusse "die Wirkungsweise geldpolitischer Massnahmen", schrieb die Bundesbank. Es erscheine "zumindest sehr zweifelhaft, dass die expansiven geldpolitischen Sondermassnahmen der letzten Jahre in der Gesamtschau die Ungleichheit erhöht haben".

(Bloomberg)