«Es ist nie zu spät für diesen Schritt»

Nadia Marbet war lange Jahre Dentalassistentin, jetzt pilotiert sie Trams durch Zürich. Der Wechsel erfolgte nicht zuletzt wegen der Jobsicherheit. Teil III der cash-Interviewserie zum Thema «Berufliche Quereinsteiger».
20.12.2016 19:05
Interview: Daniel Hügli
Nadia Marbet, Trampilotin bei den Verkehrsbetrieben Zürich.
Nadia Marbet, Trampilotin bei den Verkehrsbetrieben Zürich.
Bild: Martin Dathe-Schäfer

Nadia Marbet, ursprünglich wohnhaft in Bern, hat nach ihrer Lehre als Dentalassistentin viele Jahre im Beruf gearbeitet. Nach dem Wohnortswechsel nach Zürich entschied sie sich, bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) als Trampilotin anzufangen.

Das Gespräch mit Nadia Marbet ist Teil drei der cash-Interviewserie zum Jahresende. 2016 befasst sich cash mit dem Thema "berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung".

cash: Frau Marbet, Sie haben eine Lehre als Dentalassistentin gemacht und einige Jahre im Beruf gearbeitet. Was hat Ihnen am alten Job nicht mehr gefallen?

Nadia Marbet: Ich habe in grossen und kleineren privaten Zahnarzt-Praxen gearbeitet. Die Arbeit an sich hat mir immer sehr gefallen, jedoch hat sich auch in dieser Zeit viel verändert. Die Lehre wie auch weitere Berufsjahre als Dentalassistentin absolvierte ich ja in Bern. Aus privaten Gründen zog ich nach Zürich und übte meinen Beruf erst auch in Zürich aus. Wegen einer allergischen Reaktion auf diverse Lösungs- sowie Desinfektionsmittel habe ich den Entschluss gefasst, mich neu zu orientieren.

Warum wollten Sie ausgerechnet Trampilotin werden?

Bereits zu Beginn, als ich nach Zürich zog, war ich vom Stadtbild fasziniert. Die VBZ respektive das Tramnetz deckt die Stadt als wirtschaftliches sowie gesellschaftliches Zentrum der Schweiz ab. Als Trampilotin ist man ein Zahnrad, welches das gesamte Uhrwerk zum Laufen bringt. Die teilweise sehr hektisch wirkende Stadt bringt auch den täglichen Kontakt mit Fahrgästen, was für mich sehr wichtig ist. 
Zudem sehe ich Trampilotin als einen sehr sicheren Beruf an, da das Mobilitätsbedürfnis der Bevölkerung in und um Zürich zunehmen wird. Die VBZ hat mit diversen Werbekampagnen auch Frauen gezielt angesprochen. Sie vertreten den Standpunkt, dass Männer und Frauen gleich viel verdienen sollen.

Hat Sie jemand bei Ihrem radikalen Berufswechsel beraten oder betreut?

Eine professionelle Beratung respektive Betreuung war nicht vorhanden. Mein privates Umfeld hat mich in diesem Vorhaben tatkräftig unterstützt, es stand jederzeit an meiner Seite. Anfangs dachte ich, dass ein radikaler Berufswechsel mit diversen Herausforderungen begleitet sein werde. Bei der VBZ merkt man aber rasch, dass die Leute Erfahrung mit Quereinsteigern haben. Das vereinfacht den Erstkontakt sowie die Einarbeitung sehr. Rückblickend kann ich von einem gelungenem Berufswechsel sprechen.

Wie reagierte Ihr persönliches Umfeld auf den Quereinstieg?

Ich bin mit meiner Entscheidung nur auf offene Ohren gestossen. Alle Reaktionen waren durchaus äusserst positiv. Auch heute noch stösst mein Beruf auf grosses Interesse, da es nicht der 'normale' Büroberuf ist. Dadurch entstehen interessante Gespräche.

Gab es auch andere Berufswünsche?

Nein, es gab nur den Berufswunsch als Trampilotin.

Was gefällt Ihnen am meisten am neuen Beruf?

Ich arbeite sehr gerne mit und für Menschen. Das entgegengebrachte Vertrauen der Kundschaft und das Erbringen einer Dienstleistung der Stadt Zürich für die Kundschaft erfüllt mich mit Stolz. Durch das Tragen der Uniform wird man erkannt, somit ist man ein Teil der Stadt. Das verantwortungsvolle Manövrieren auf den Tramgleisen während des Berufsverkehrs sowie an den Wochenenden ist stets eine anspruchsvolle Aufgabe. Aber auch der technische Aspekt ist für mich sehr faszinierend. Mit dem Tram ist man in der Stadt immer am Puls des Geschehens, egal bei welchem Wetter oder bei welchem Anlass. Jeder Tag ist anders, schon jede Stunde kann anders sein als die andere und man weiss nie, womit man konfrontiert wird. Obwohl man während der Fahrzeit alleine unterwegs ist, ist man trotzdem ein Team. Ein Team mit anderen Kommunikationswegen, beispielsweise mit dem Funkgerät, mit Pausen- respektive Überbrückungszeiten oder mit Gesten während der Fahrt zu Kollegen.

Chauffeure von öffentlichen Verkehrsmitteln müssen sich oft von Passagieren 'anpflaumen' lassen, es besteht zudem die Gefahr von Unfällen. Bereitet Ihnen das keine Mühe?

Nein, gar nicht. Ich glaube, Angst vor solchen Ereignissen zu haben ist nicht die richtige Einstellung. Der Respekt fährt auf jeden Fall jeden Tag mit. Das Fahren im dichten Stadtverkehr braucht volle Aufmerksamkeit und Konzentration. Vorausschauendes und defensives Fahren ist elementar. Durch meine offene und fröhliche Art habe ich mit den Fahrgästen stets nette und lustige Begegnungen. Auch wenn eine Person aufbrausend wirkt, kann man dem mit ruhigem und freundlichem Auftreten gut entgegenwirken.

Hat Ihr neuer Beruf auch Nachteile?

Die Schichtarbeit kann Herausforderungen organisatorischer Art im privaten Umfeld mit sich bringen. Diese Herausforderung bin ich aber auch bewusst eingegangen und habe mich von Beginn an dafür entschieden. Durch die neue individuelle Dienstplanung ist es für das Fahrpersonal möglich, Wünsche respektive favorisierte Schichten oder Arbeitstage in die Planung des Dienstplans einzubringen. Die organisatorischen Herausforderungen im Privaten sind dadurch einfacher zu handhaben.

Haben Sie Ihren beruflichen Umstieg jemals bereut?

Nein, noch nie. Ich würde diesen Schritt zu jedem Zeitpunkt wieder vornehmen. Ich gehe jeden Tag sehr gerne zur Arbeit und es macht mir sehr viel Spass.

Was raten Sie Leuten, die ebenfalls einen radikalen Berufswechsel tätigen möchten?

Der definitive Schritt braucht oft Mut, aber es lohnt sich in jeder Hinsicht. Man muss von seinem Schritt überzeugt sein, 'Wo ein Wille ist, da ein ist Weg'. Weiter sollte sich jeder seiner eigenen Stärken bewusst sein. Wenn man weiss, was man kann, ist es einfacher, das Richtige zu finden. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Beruf führt dazu, dass man den richtigen Job findet und über die erforderlichen Informationen verfügt. Grundsätzlich vertrete ich die Sicht, egal welche Berufsbranche oder welches Alter, dass es nie zu spät ist. Nur Mut zu diesem Schritt, ich kann es allen sehr empfehlen.

Können Sie sich vorstellen, in Zukunft nochmals einen radikalen Jobwechsel vorzunehmen?

Da ich einen Job habe, der mir sehr gefällt und da die VBZ eine super Arbeitgeberin ist, kommt dieser Schritt für mich aktuell nicht in Frage. Mein Wunsch ist es, mich innerhalb der VBZ weiter zu entwickeln.

Bisher erschienen in der cash-Interviewserie "Berufliche Quereinsteiger und Neuorientierung":

Vom Lehrer zum Theologen: Walter Weibel (19.12.)

Vom Banker zum Weinbauer: Marcel Bühler (18.12.)