Es knirscht wieder mal im Zinsgebälk

In den USA verdichten sich die Anzeichen für eine weitere Zinserhöhung noch in diesem Jahr. Doch überall sonst auf der Welt läuft der Trend in die andere Richtung. Was bedeutet das für die Schweiz?
22.08.2016 23:55
Von Ivo Ruch
Die Zinshöhe ist ein wichtiges Element, um die Wirtschaft vor dem Einbruch zu bewahren.
Die Zinshöhe ist ein wichtiges Element, um die Wirtschaft vor dem Einbruch zu bewahren.
Bild: Pixabay

Zahlen, Zahlen und nochmals Zahlen: In den letzten Wochen mussten sich Anleger durch eine Lawine von Unternehmensresultaten kämpfen. Doch nun, da diese Flut allmählich abebbt, suchen die Finanzmärkte nach neuen Anhaltspunkten. Und finden sie in erster Linie bei der Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed).

Jüngst mehrten sich die Anzeichen, dass die Fed noch in diesem Jahr eine weitere Zinserhöhung durchführen könnte. Dahingehende Aussagen führender Fed-Vertreter sorgten am Montag gar dafür, dass sich Anleger mit Dollar eindeckten und die US-Währung an Wert zulegte.

Kommt es in den nächsten Monaten tatsächlich zu diesem Schritt und die Fed hebt den Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Geld von aktuell 0,25-0,5 Prozent um 0,25 Prozent an, würde die globale Zinsschere noch weiter aufgehen. Denn die Zinssätze anderer wichtiger Währungsräume haben eine gegenteilige Richtung eingeschlagen, wie die nächste Tabelle zeigt.

Leitzinsen in den wichtigsten Währungsräumen

Notenbank Aktueller Leitzins in % Vorheriger Leitzins in %
Federal Reserve 0,25 - 0,5 0 - 0,25
Bank of England 0,25 0,5
Bank of Japan 0 0,1
Schweizerische Nationalbank -1,25 - -0,25 -0,75 - 0,25
Europäische Zentralbank 0 0,05
Reserve Bank of Australia 1,5 1,75
People's Bank of China 4,35 4,6

Quelle: global-rates.com (Stand: 22.08.16)

Welche Auswirkungen hätte es, wenn Fed-Chefin Janet Yellen und ihr Team demnächst ein weiteres Mal an der Zinsschraube drehten?  "Steigende Zinsen in den USA werden das globale Zinsgefüge vorerst nicht durcheinanderbringen. Denn die US-Zinsen führen momentan ein Eigenleben, vor allem was den Einfluss der Geldpolitik angeht", sagt Caroline Hilb von der St. Galler Kantonalbank zu cash.

Weil momentan eine geldpolitische Ausnahmesituation herrsche, finde die Wechselwirkung zwischen den USA und anderen Währungsräumen mit grösserer Zeitverzögerung statt als üblich, so Caroline Hilb, die den Bereich Anlagestrategie und Analyse leitet.

Aktien dürften leiden

Ein Blick zurück zeigt: Die mächtige amerikanische Notenbank hat durchaus Potenzial, die Finanzmärkte zu bewegen. Am Tag der letzten Erhöhung im zurückliegenden Dezember schloss nicht nur die Wall Street fester. Auch die europäischen Börsen reagierten mit satten Kursgewinnen.

Die Gewinne waren allerdings eher ein Strohfeuer. Denn unmittelbar nach der ersten US-Zinserhöhung seit mehr als zehn Jahren wurden die globalen Finanzmärkte wieder in den Strudel rund um die Unsicherheiten betreffend das chinesische Wachstum gezogen. Der Swiss Market Index (SMI) wie auch andere Indizes sanken in den Folgemonaten stark. Solche Turbulenzen fehlen momentan. Dennoch erwartet Hilb, dass die steigenden Zinsen die Aktienmärkte allgemein zumindest temporär unter Druck setzen dürften, "auch in der Schweiz."

Der Schweizer Franken erlebte in den Wochen nach der Zinswende  einen veritablen Schwächeanfall. Der Euro-Franken-Kurs erreichte Anfang Februar bei 1,12 den höchsten Stand seit Aufgabe der Kurs-Untergrenze. Wiederholt sich das beim nächsten Zinsschritt? Laut Anlageexpertin Caroline Hilb dürfte erneut etwas Druck vom Franken abfallen, wenn der Dollar zum Euro an Wert gewinnt.

Dividenden-Könige vor dem Fall?

Gemäss der Nachrichtenagentur Reuters erwarten Börsianer an der WallStreet, dass bei einem Zinsschritt vor allem defensive Aktien unter die Räder kommen könnten, die lange wegen vergleichsweise hoher Dividenden interessant waren. Anleger kauften solche Aktien quasi als Coupon-Ersatz für negativ rentierende Obligationen. Bei steigenden Zinsen könnten solche Titel an Attraktivität verlieren.

In eine ähnliche Richtung geht auch die Analyse von JP Morgan Asset Management. Sie identifizieren jene Aktiensektoren als Hauptprofiteure der lockeren Geldpolitik, welche die höchsten Dividenden zahlen. Es sind namentlich die amerikanischen Firmen aus den Bereichen Telekommunikation, Versorger und Energie, die seit Anfang Jahr am meisten an Wert zulegen konnten, wie die folgende Grafik zeigt.

Andere Marktbeobachter widersprechen: Gute und konstante Dividendenzahler sind in der Regel solide aufgestellte Unternehmen mit intakten Langfristperspektiven und solche Investments bleiben auch nach einer Zinserhöhung attraktiv.
 

 

Die nächsten möglichen Termine, an denen die Fed ihre Zinsen anheben kann, sind am 21. September, am 2. November und am 14. Dezember. Eine Zinserhöhung an der November-Sitzung gilt aber wegen der zeitlichen Nähe zu den Präsidentschaftswahlen (am 8. November) als ausgeschlossen.

Laut aktuellen Daten rechnen die Finanzmärkte mit einer Wahrscheinlichkeit von 22 Prozent mit einem Zinsschritt im September. Rund 51 Prozent erwarten diese Handlung Mitte Dezember. Befürworter meinen, ein weiterer Zinsschritt würde dem Zustand der amerikanischen Wirtschaft entsprechen und die Fed ein Stück unabhängiger von den Finanzmärkten machen.

Weitere Zins-Hinweise stehen bevor

Zins-Skeptiker halten dem entgegen, dass die Teuerung in den USA immer noch zu gering ist. Zuletzt war die Inflationsrate im Juli überraschend auf 0,8 Prozent gesunken – weit weg von der angestrebten Zielmarke bei 2 Prozent. Hinzu kommt, dass die grösste Volkswirtschaft der Welt im zweiten Quartal wenig in Schwung gekommen war.

Die nächsten konkreten Hinweise auf den Zustand der US-Konjunktur folgen noch in dieser Woche. Hinweise zur Lage des verarbeitenden Gewerbes der US-Wirtschaft liefern am Donnerstag die Auftragseingänge der langlebigen Güter. Am Freitag dann folgen Hochrechnungen zum Bruttoinlandsprodukt. Hinweise auf den Kurs der Fed erhoffen sich Anleger zudem vom alljährlichen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole, wo Fed-Chefin Janet Yellen am Freitag eine Rede hält.