EU-Partner warnen London: Kein Weg zurück bei Brexit

Berlin/Paris/London (awp/sda/reu) - Die europäischen Partner haben wenige Tage vor dem Referendum über einen EU-Austritt Grossbritanniens den Druck erhöht. Frankreich warnte vor einem massiven Bedeutungsverlust des Königreichs. Führende deutsche Wirtschaftsvertreter sprachen von einer möglichen "Katastrophe". Der Internationale Währungsfonds (IWF) betonte, grösster Verlierer wäre die britische Wirtschaft.
18.06.2016 17:18

"Es würde sich isolieren", sagte Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel Macron der Zeitung "Le Monde" (Samstagausgabe) mit Blick auf den EU-Partner. Grossbritanniens Bedeutung auf der Weltbühne wäre dann vergleichbar mit der Kanalinsel Guernsey - ein kleinerer Handelsposten am Rande Europas.

Die Botschaft Richtung London müsse daher klar sein: Ein Brexit hätte ernste Konsequenzen. "Entweder seid ihr drin oder draussen", sagte Macron.

Ähnlich äusserte sich der luxemburgische Aussenminister Jean Asselborn. Er wandte sich in der Berliner Zeitung "Tagesspiegel am Sonntag" gegen Nachverhandlungen zur Wahrung einer EU-Mitgliedschaft für den Fall, dass sich die Briten am kommenden Donnerstag für den Austritt entscheiden sollten.

"Nachverhandlungen sind keine Option - allein schon deshalb, weil man das demokratische Votum achten muss. Wenn sich die Briten für den Brexit entscheiden, dann ist der Brexit Realität", sagte Asselborn.

Börsen-Crash und Rezession

Nach IWF-Berechnungen würde Grossbritannien durch den Brexit bis 2019 rund fünfeinhalb Prozent seiner Wirtschaftskraft einbüssen im Vergleich zu einem Verbleib in der Europäischen Union.

Falle der Trennungsprozess weniger radikal aus und werde das Land nicht abrupt von allen Vorteilen der Gemeinschaft ausgeschlossen, bleibe immer noch ein Minus von eineinhalb Prozent. Unter anderem müsse Grossbritannien dann zum Beispiel die Grundlagen für seine Handelsbeziehungen mit 60 Nicht-EU-Ländern neu aushandeln. Die Gespräche dürften Jahre dauern.

An den Börsen wird im Fall der Fälle mit heftigen Turbulenzen gerechnet, etwa mit einer starken Abwertung des Pfund. Die Europäische Zentralbank (EZB) steht aber bereit, um dem entgegenzuwirken.

Wettbüros rechnen mit Verbleib in EU

Buchmacher schätzen die Wahrscheinlichkeit eines EU-Verbleibs der Briten aktuell mit 65 Prozent ein, wie Erhebungen des Online-Wettanbieters Betfair ergaben. Davor lag die Quote noch bei 67 Prozent.

Einer telefonischen Meinungsumfrage des Instituts BMG zufolge will die Mehrheit der Briten in der EU bleiben. 53,3 Prozent sprachen sich in der Befragung für die Zeitung "The Herald" für einen Verbleib in der 28-Staaten-Gemeinschaft aus. 46,7 Prozent votierten für einen EU-Austritt.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag erwartet "gravierende Folgen" für die Handelsbeziehungen im Falle eines Brexit. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben, sechs von zehn deutschen Unternehmen, die in Grossbritannien tätig seien, würden ihre Geschäfte herunterfahren.

(AWP)