Europas Airlines fürchten sich vor Brexit-Turbulenzen

Airlines sind aufgeschreckt: Sollte Grossbritannien der EU den Rücken kehren, wären die rechtlichen Grundprinzipien des Flugverkehrs zwischen der Insel und der dann geschrumpften Staatenunion nicht mehr gültig.
18.06.2016 17:23
Die irische Billigfluglinie Ryanair hat ihren Hauptmarkt in Grossbritannien.
Die irische Billigfluglinie Ryanair hat ihren Hauptmarkt in Grossbritannien.
Bild: Pixabay

Zudem dürften die wirtschaftlichen Turbulenzen und Probleme, die einem Ausstieg folgen könnten, Passagiere vom Fliegen abhalten. "Instabilität führt zu einer geringeren Nachfrage, und eine geringere Nachfrage heisst, dass es weniger Fluggäste gibt", beschreibt Emirates-Chef Tim Clark die Sorgen seiner Branche.

Exemplarisch dafür stehen zwei der derzeit erfolgreichsten Airlines: Easyjet und Ryanair. Die Billigflug-Marktführer haben mehr als andere von der Liberalisierung des Flugverkehrs vor zwei Jahrzehnten in Europa profitiert. Easyjet hat seinen Hauptsitz auf der Insel, für die irische Ryanair ist das Vereinigte Königreich der grösste Markt. Wenig überraschend ist es da, dass Ryanair-Chef Michael O'Leary lautstark die Werbetrommel rührt, um skeptische Briten für die EU zu gewinnen. Vor einigen Wochen etwa bot die Airline extra günstige Flüge nach Grossbritannien an, damit Auslandsbriten es am Abstimmungstag - dem 23. Juni - in die Wahlkabine schaffen.

Sollte es wirklich zum EU-Abschied kommen, dürfte der erwartete Wirtschaftsabschwung auch die ausgeprägte Reiselust der Briten treffen. Mit 220 Millionen Passagieren sind sie nämlich Europameister im Fliegen. Zudem würden Touristen die Insel womöglich meiden. Nach der Schätzung von John Fletcher, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bournemouth, könnten der Wirtschaft dadurch vier Milliarden Pfund und 63'000 Jobs verloren gehen.

Vorbild Norwegen

"Es wird danach weiter geflogen, aber auf Sicht von 6 bis 12 Monaten dürften die Preise sinken", befürchtet auch Ryanair-Chef O'Leary. Für die Branche steht viel auf dem Spiel: 2015 flogen mehr als 130 Millionen Passagiere zwischen dem Königreich und Europa hin und her. Die acht grössten britischen Airlines nahmen damit über 10,5 Milliarden Pfund ein.

Ryanair und Co. treibt die Ungewissheit um, ob sie nach einem Brexit ihre Strecken so anbieten können wie bislang. Derzeit nämlich kann jede EU-Airline in jedes andere Mitgliedsland fliegen. Auch Inlandsverbindungen sind erlaubt: Ryanair pendelt etwa zwischen Köln und Berlin. Basis des europaweiten Flugverkehrs ist ein Regelwerk der EU namens European Common Aviation Area (ECAA).

Jeder der 28 EU-Staaten ist automatisch Mitglied in dem Flugpakt. Doch mit einem Rückzug würde Grossbritannien auch aus dem ECAA fliegen. Das Königreich könnte dann versuchen, wieder in den Club aufgenommen zu werden. Der steht nämlich auch Nicht-EU-Mitgliedern offen - Norwegen ist ein prominentes Beispiel.

Schweiz ist bilateral im EU-Luftraum

Es wäre nach einem Brexit plausibel, wenn Grossbritannien sich um einen Platz im ECAA bemüht, sagt Tony Tyler, Chef des Branchenverbands Iata. "Die Folgen wären in dem Fall sehr überschaubar." Falls das nicht klappt, könnte die Londoner Regierung sich wie die Schweiz mit der EU in einem bilateralen Vertrag einigen. Die dritte Möglichkeit wäre, neue Flugvereinbarungen mit jedem EU-Land einzeln auszuhandeln. Dieser Weg sei aber steinig, sagt Easyjet-Chefin Carolyn McCall. "Es wäre für unsere Regierung sehr schwierig, in Verhandlungen mit 27 anderen Staaten die gleichen Flugrechte auszuhandeln, die wir heute als EU-Mitglied haben."

Nach dem Goodbye zur Union müssten die Briten nicht nur die Flugrechte für Länder vor ihrer Haustür neu verhandeln, sondern auch die für die USA. Die sind insbesondere für British Airways elementar. Die Flüge zwischen London und New York etwa sind Standbein der Traditionsfluglinie. Derzeit bestimmt das von der EU und den USA ausgehandelte "Open Skies"-Abkommen die Spielregeln und erlaubt den Airlines, alle Flughäfen auf der anderen Seite des Atlantiks anzufliegen.

Grossbritannien müsste nach einem Brexit versuchen, auch bei Open Skies mitzumachen oder einen neuen Vertrag mit Washington aushandeln. Allerdings benötigen beide Seiten dafür einen langen Atem: Bis das Open-Skies-Abkommen stand, vergingen vier Jahre. 

(Reuters)