Ex-Bundesbank-Präsident und Euro-Architekt Tietmeyer gestorben

(Zusammenfassung)
28.12.2016 18:27

FRANKFURT/BERLIN (awp international) - Hans Tietmeyer, letzter Chef der Bundesbank in der D-Mark-Ära und wichtiger Wegbereiter des Euro, ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 85 Jahren, wie die Bundesbank am Mittwoch in Frankfurt mitteilte.

Der Diplom-Volkswirt stand vom 1. Oktober 1993 bis zum 31. August 1999 an der Spitze der Notenbank. Er war damit der letzte Bundesbank-Präsident mit der ganzen Machtfülle der D-Mark - und der erste, der ab 1998 im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) sein Gewicht für Deutschland in die Waagschale warf.

Der gebürtige Westfale galt als Garant einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. Bei der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung trat er dafür ein, dass solide Staatsfinanzen ein zentrales Kriterium sein sollen. "Hans Tietmeyer war ein herausragender Präsident, dessen Handeln stets klaren und festen Linien mit dem Ziel der Geldwertstabilität folgte", sagte Bundesbank-Chef Jens Weidmann.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker würdigte Tietmeyer als einen der wichtigsten Architekten des Euro: "Mit ihm verlieren Europa, der Euro und ich persönlich einen wichtigen Weggefährten." Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) äusserte sich ähnlich. "Persönlich beeindruckt hat er mich mit seiner Kompetenz in den Verhandlungen zum Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, an denen wir beide beteiligt waren", sagte Schäuble in Berlin. "Seine kluge, mahnende Stimme wird uns fehlen."

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, bezeichnete den früheren Bundesbank-Präsidenten als "engagierten Kämpfer für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik und solide Staatsfinanzen in Europa". Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) meinte, Tietmeyer habe die Stabilität der D-Mark gesichert.

Der gelernte Wirtschaftswissenschaftler begann seine Karriere 1962 als Beamter im Bonner Wirtschaftsministerium. "Er wurde wegen seiner grossen fachlichen Expertise und seinem unermüdlichen Engagement von der Mitarbeitern sehr geschätzt", hiess es aus dem Berliner Ressort von Sigmar Gabriel (SPD) am Mittwoch.

Als CDU-Mitglied verfasste Tietmeyer 1982 für den damaligen FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff das "Lambsdorff-Papier", das den Bruch der sozialliberalen Regierung und am Ende auch den Sturz von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) einleitete. Später wechselte er als Staatssekretär ins Bundesfinanzministerium.

Als persönlicher Beauftragter bereitete Tietmeyer für den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) die internationalen Wirtschaftsgipfel vor. 1993 folgte er auf Helmut Schlesinger an der Spitze der Bundesbank. Nach seiner Zeit bei der Notenbank sass der Vater von zwei Kindern in zahlreichen Gremien und Aufsichtsräten./mar/ceb/DP/mis

(AWP)