Ex-SNB-Präsident: «Es sieht düster aus»

Für den Ex-SNB-Präsidenten Jean-Pierre Roth sind die Aussichten für Europa düster. Im cash-Interview äussert er sich zudem zur Zentralbankenpolitik und zu seinen eigenen Investitionen.
23.04.2013 01:00
Interview: Frédéric Papp, Luzern
«Die positive Entwicklung an den Märkten ist nicht mit guten Konjunkturnachrichten begründet»: Ex-SNB-Präsident Jean-Pierre Roth.
Bild: cash

cash: Herr Roth, wie beurteilen Sie die Schuldenkrise in Europa derzeit? Haben wir die Talsohle erreicht?

Jean-Pierre Roth: Die heutige Lage ist schwierig. Die europäische Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Verschuldung der einzelnen Staaten bewegt sich immer noch auf einem zu hohen Niveau. Die Perspektiven für Europa sind düster, auch was die Demografie betrifft.

Was heisst diese Entwicklung für die Schweiz?

Das Umfeld für die Schweiz wird schwierig bleiben. Wichtig ist, dass die Schweiz nicht nur an Europa denken muss, sondern auch an den Rest der Welt. Die Wachstumschancen der Schweiz liegen darin, offen zu sein gegenüber anderen und neuen Märkten. Der Aussenhandel mit Europa beträgt 60 Prozent. Dieses Europa-Exposure müssen wir unbedingt reduzieren, sofern es möglich ist.

Wie soll das gehen?

Der Schweizer Privatsektor macht es vor. Dessen Präsenz beispielsweise in Schwellenländermärkten oder in den USA ist bereits stark. Zudem müssen aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so flexibel ausgestattet sein, dass die Schweiz sich jederzeit anpassen kann.

Die Kursuntergrenze hilft der Schweizer Wirtschaft. Wird sie noch lange Bestand haben?

Ich kommentiere die Politik der Schweizerischen Nationalbank nicht.

Die expansive Geldpolitik der Notenbanken bläht deren Bilanzen auf. Glauben Sie, dass man diese je wieder verkleinern kann?

Das ist in der Tat die grosse Herausforderung der Notenbanken. Es gibt Überschussliquidität, und die Zinsen sind am Boden. Einmal muss eine Normalisierung eintreten. Es braucht Zeit, aber eine Normalisierung wird wieder eintreten.

… ohne dass damit ein Chaos an den Finanzmärkten angerichtet wird?

Ich habe Vertrauen in die Notenbanken und insbesondere in die Schweizerische Nationalbank, dass den Zentralbanken dies gelingen wird.

Es fliesst sehr viel Geld in die Aktien- und Bondmärkte. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?

Dazu nur so viel: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die sehr positive Entwicklung an den Märkten nicht mit guten Konjunkturnachrichten begründet wurden.

Wie sind Sie denn investiert?

(lacht) Ich bin immer sehr liquide gewesen in meinen "älteren Tagen". Dies wird sich im Moment nicht ändern.

 

Im Video-Interview geht Roth detaillierter auf die künftigen Probleme Europas ein und gibt eine Wachstumsprognose für die kommenden Jahre ab.

Jean-Pierre Roth war dreissig Jahre lang für die Schweizerische Nationalbank (SNB) tätig. Von 2001 bis 2009 war er Präsident des SNB-Direktoriums. Jean-Pierre Roth ist seit 2010 Mitglied der Verwaltungsräte von Swatch, Swiss Re, Nestlé sowie Präsident der Genfer Kantonalbank.

Das Interview wurde am Montag am Rande des Europa Forums Luzern geführt.