Die Inflationsaussichten hätten sich seit der Juli-Sitzung nicht verbessert, sagte Notenbank-Direktorin Isabel Schnabel der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview. "Im Juli entschieden wir uns für eine Anhebung um 50 Basispunkte angesichts des Inflationsausblicks. Im Moment denke ich nicht, dass sich dieser Ausblick grundlegend geändert hat."

Die EZB sei dazu übergegangen, von Sitzung zu Sitzung auf Basis hereinkommender Daten zu entscheiden. "Wenn ich mir die jüngsten Daten anschaue, würde ich sagen, dass die Sorgen, die wir im Juli hatten, nicht zerstreut wurden." Die nächste EZB-Zinssitzung ist für den 8. September geplant.

Die deutsche Ökonomin ist im EZB-Führungsremium für das wichtige Ressort Marktoperationen und damit für die konkrete Umsetzung der Geldpolitik zuständig. Die Inflation im Währungsraum war im Juli angetrieben durch hochschnellende Energiepreise im Zuge des Ukraine-Kriegs und einen Preisschub bei Lebensmitteln auf einen Rekordwert von 8,9 Prozent geklettert. Damit ist die Teuerung inzwischen mehr als viermal so hoch wie das Ziel der Währungshüter, die zwei Prozent Inflation für die Wirtschaft ansteuern.

 

— cash (@cashch) August 18, 2022

 

"Ich würde nicht ausschliessen, dass die Inflation kurzfristig weiter steigen wird", sagte Schnabel. Der Preisschub erfasse inzwischen auch Dienstleistungen und Industriegüter. "Das ist eine breit angelegte Entwicklung." Und der Inflationsdruck werde wahrscheinlich auch nicht schnell abklingen: "Selbst mit der laufenden geldpolitischen Normalisierung wird es einige Zeit dauern, bis die Inflation wieder zurückgehen wird auf zwei Prozent." In Deutschland sei es relativ wahrscheinlich, dass die Teuerung weiter steigen werde, sagte Schnabel.

Manche Ökonomen hielten zuletzt wegen stark steigender Gaspreise und der neuen Gasumlage zweistellige Teuerungsraten im Herbst für möglich. Schnabel ging auch auf die Gefahr ein, dass mit der von Rekord zu Rekord eilenden Inflation im Währungsgebiet die langfristigen Inflationserwartungen aus dem Ruder laufen und sich vom Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank entfernen könnten. Die meisten Masse seien bei rund zwei Prozent geblieben, sagte sie. Mehrere Indikatoren wiesen aber auf ein erhöhtes Risiko hin. "Ich denke, es ist sehr wichtig, dass wir solche Zeichen ernst nehmen." Die Notenbank spricht in diesem Zusammenhang von der Gefahr einer "Entankerung" der Inflationserwartungen.

Rezessionssorgen

Die von der EZB eingeleitete Zinswende fällt zusammen mit sich verschlechternden Wachstumsaussichten im Euro-Raum. Steigende Zinsen bergen das Risiko, dass dadurch die Konjunktur noch weiter gebremst wird. Schnabel wies in diesem Zusammenhang zwar auf einen sehr starken Arbeitsmarkt hin und auf ein relativ gutes zweites Quartal sowie auf Sektoren wie die Tourismus-Branche, die sich zuletzt ausgesprochen robust entwickelt hätten.

"Dennoch gibt es starke Anzeichen dafür, dass sich das Wachstum verlangsamen wird, und ich würde nicht ausschliessen, dass wir in eine technische Rezession geraten," sagte sie. Dies gelte vor allem dann, wenn die Energielieferungen aus Russland noch mehr unterbrochen würden. Von einer technischen Rezession sprechen Volkswirte, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen die Wirtschaftsleistung sinkt. Im zweiten Jahresviertel war die Wirtschaft im Euro-Raum zum Vorquartal noch um 0,6 Prozent gewachsen.

Der Euro-Raum müsse auch zusätzliche Dämpfer einstecken wie etwa die Dürre und die niedrigen Wasserstände in grossen Flüssen, führte Schnabel aus. Die Gefahren für das Wachstum hätten insgesamt zugenommen. "Es scheint so zu sein, dass Deutschland von den grösseren Euro-Ländern am härtesten getroffen wurde." Anzeichen für eine langanhaltende tiefe Rezession sieht die EZB-Direktorin aber derzeit nicht. Aus ihrer Sicht wird eine schrumpfende Wirtschaft allein nicht dazu führen, dass die Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke fällt. "Doch selbst wenn wir in eine Rezession eintreten, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass der Inflationsdruck von selbst abklingen wird", erklärte sie. Derzeit müsse die Wirtschaft einen Schock verkraften, der nicht nur das Wachstum verlangsame sondern gleichzeitig auch den Preisdruck erhöhe. 

(Reuters)