Fall ins Sommerloch? - Merkel und die Umfragen

In Umfragen leidet das Image der deutschen Kanzlerin Angela Merkel wieder einmal. Meinungsforscher sind sich nicht einig, wie sie dies interpretieren sollen.
06.08.2016 09:35
Angela Merkel und Wolfgang Schäuble brüten über Unterlagen.
Angela Merkel und Wolfgang Schäuble brüten über Unterlagen.
Bild: Bloomberg

Im politischen Berlin herrscht Sommerpause, die Kanzlerin ist in Urlaub. In die beschauliche Ruhe platzte der jüngste ARD-Deutschlandtrend, demzufolge die Zustimmungswerte für Angela Merkel um zwölf Punkte auf 47 Prozent absackten. Gleichzeitig schossen die Werte für CSU-Chef Horst Seehofer - einem ihrer schärfsten Kritiker in der Flüchtlingskrise - um elf Punkte auf 44 Prozent nach oben. Das veranlasste die Zeitung "Die Welt" sogar zu der Frage: "Und wenn Seehofer noch Kanzler werden will?"

Unter Meinungsforschern ist allerdings ein Streit ausgebrochen, wie aussagekräftig die Umfrage und die eingesetzten Methoden sind. "Ich halte die Zahlen nicht für glaubhaft", sagte etwa Forsa-Chef Manfred Güllner am Freitag zu Reuters. Dass Merkels Werte derart stark abstürzten, die Zustimmung zur Union aber mit 34 Prozent konstant bleibe, sei seltsam.

Grössere Ausschläge bei ARD als beim ZDF

Die Ausschläge bei den Politikerzustimmungen waren im ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen in den vergangenen Monaten geringer als im ARD-Deutschlandtrend. Dort hatte Merkel im Februar ihren Tiefst- und Seehofer seinen Höchstwert erzielt, bevor sich beide wieder deutlich auseinander bewegten.

Beim letzten ZDF-Politbarometer vom 22. Juli lag Merkels Gesamtwert bei 1,4 - Seehofer verharrt dort aber seit Dezember 2015 auf einem Wert von deutlich unter eins. Für die ZDF-Umfrage wird auf einer Skala von plus fünf (positiv) bis minus fünf (negativ) nach der gewünschten Rolle der Politiker gefragt und dann zusammengerechnet. Die Einzelergebnisse nach Parteianhängern klaffen zwischen der CDU-Chefin und dem CSU-Vorsitzenden völlig auseinander: Seehofers Gesamtwert lag am 22. Juli bei plus 0,3 Prozent. Unter Unionsanhänger erreichte er aber plus 1,1, und am beliebtesten war er bei AfD-Anhängern mit plus 1,6.

Merkel dagegen hatte einen Gesamtwert von plus 1,4, lag aber bei den Unionsanhängern und damit ihren potenziellen Wählern sogar bei plus 3,5. Nur wurde dieser Wert wieder gedrückt von AfD-Anhängern, die sie besonders heftig ablehnen (minus 2,4). "Die extrem negativen Einschätzungen der AfD-Anhänger nach den Anschlägen können also das Gesamtbild verzerren", kritisiert Güllner.

Gesamtbewertung verzerrt leicht

Jürgen Hofrichter, Direktor Wahl- und Meinungsforschung bei Infratest dimap, weist darauf hin, dass dieser Effekt bei der Umfragemethode für den ARD-Deutschlandtrend aber nicht so stark auftreten kann. Denn gefragt wird nach "sehr zufrieden", "zufrieden" (gilt beides als Zustimmung), "weniger zufrieden", "gar nicht zufrieden" (gilt beides als Ablehnung). Doppelter Effekt dieser Methode: Einerseits fallen sehr starke negative Ausschläge etwa der AfD-Anhänger also weniger ins Gewicht als etwa bei der Forschungsgruppe Wahlen.

Andererseits führt schon eine leichte Änderung der Antwort von Befragten von "zufrieden" zu "weniger zufrieden" zu einer völlig anderen Gesamtwertung, weil sie nun nicht mehr als "Zustimmung" sondern als "Ablehnung gewertet wird. Das erklärt die größeren Ausschläge bei der ARD-Umfrage. Eine geringere Gewichtung von AfD-Anhängern lehnt Hofrichter ab.

Merkels Image mit Flüchtlingen verbunden

Wirkliche Erleichterung für Merkel kann dieser Methodenstreit aber nicht bedeuten. Denn das letzte Politbarometer wurde vor den Anschlägen und der Sommerpressekonferenz Merkels erhoben, bei der die Kanzlerin ihren Satz "Wir schaffen das" nochmals wiederholte. Auch bei der Forschungsgruppe Wahlen erwartet man deshalb, dass bei der Umfrage für das ZDF-Politbarometer kommende Woche Merkels Zustimmungswerte sinken werden. Allerdings wird bei Seehofer kein so starker Aufwärtstrend erwartet wie bei der ARD: Denn der CSU-Chef sei nun nicht mehr so präsent im Fernsehen wie nach den Anschlägen in Bayern und während der CSU-Klausurtagung.

Das ändert nach Ansicht von INSA-Chef Hermann Binkert aber nichts daran, dass Kanzlerin Merkel fest mit der Flüchtlingskrise verbunden wird und mit deren Problemen. "Seit Herbst 2015 ist die Verknüpfung absehbar und ein fester Trend", sagte er Reuters. Auf die Frage, ob die Anschläge der letzten Wochen auch eine Folge der Flüchtlingspolitik Merkels seien, antworteten in einer Reuters vorliegenden Insa-Umfrage fast jeder Zweite (48,7 Prozent) der knapp 2000 Personen vom 29. Juli bis 1. August mit "Ja".

"Auch nach unseren Umfragen gibt es eine klare Ablehnung der Flüchtlingspolitik in der Bevölkerung - was dazu führt, dass derzeit rund 40 Prozent der Wahlberechtigten so abstimmen wollen, dass Frau Merkel nach 2017 nicht weiter Kanzlerin bleibt", sagt Binkert.

«Leute differenzieren genauer als unterstellt»

Auch nach dem ARD-Deutschlandtrend stimmen nur noch 34 Prozent der Flüchtlingspolitik zu. Das ist die geringste Zustimmung seit diese Frage erstmals im Oktober 2015 gestellt wurde. Sowohl bei Infratest dimap als auch bei der Forschungsgruppe Wahlen wird immer dann ein Rückgang bei Merkels Zustimmungswerten registriert, wenn wie etwa durch die Vorkommnisse in Köln in der Silvesternacht die Bürger wieder an Probleme mit der Flüchtlingskrise erinnert wird.

Forsa-Chef Güllner sieht das anders. Die letzte Umfrage seines Instituts habe ergeben, dass Merkel eben nicht für die Anschläge verantwortlich gemacht werde. "Die Leute differenzieren sehr viel genauer als unterstellt wird", sagt Güllner. Allerdings sieht auch er einen direkten Zusammenhang zwischen Seehofer-Aussagen und Merkel-Zustimmungswerten. "Immer wenn Seehofer sehr kritisch auftritt, sinken die Werte Merkels - allerdings bei uns dann auch die der Union insgesamt."

(Reuters)