Fatale Entscheide aus Wirtschaft und Politik

In Wirtschaft und Politik wird viel entschieden. Doch manchmal sind die Annahmen, Strategien und Beschlüsse kreuzfalsch.
05.02.2016 19:35
Von Marc Forster
Auch «Zauberer» Hans-Rudolf Merz konnte das Bankgeheimnis nicht retten.
Auch «Zauberer» Hans-Rudolf Merz konnte das Bankgeheimnis nicht retten.
Bild: Keystone

Bundesrat Hans-Rudolf Merz sagt im März 2008 an die Europäische Union gerichtet: "Am Bankgeheimnis werdet ihr euch noch die Zähne ausbeissen." Seit 1934 schützt die Schweiz Informationen über Bankkunden offiziell per Gesetz. Auch solche, die für Steuerämter wichtig sind. Trotz gelegentlicher Kritik aus dem Ausland scheint diese Praxis lange akzeptiert.

Die Finanz- und Schuldenkrise, die 2007 ihren Anfang nimmt, ändert dies. Der Geldbedarf vieler Finanzminister schwillt enorm an. Bundesrat Merz selbst unterschreibt einige der Verträge, die das Bankgeheimnis etwas weniger zu einem Geheimnis machen: Der bedrängten UBS erlaubt der Bundesrat im Februar 2009 per Notrecht, Kundendaten an die USA zu übergeben.

Bei den europäischen Nachbarn versucht die Schweiz, das eigene, von den Banken ersonnene Modell der "Abgeltungssteuer" verkaufen zu können - eine Art "Bank­geheimnis-Abschaffung light", das persönliche Daten immer noch schützt und das mit der Sündervergangenheit der ausländischen Bankkunden grosszügig umgeht. Doch namentlich Deutschland lehnt den Plan ab. Als der EU-Staat Luxemburg 2013 sein eigenes Bankgeheiminis auf­gibt, muss auch die Schweiz den automatischen Informationsaustausch akzeptieren. Das Schweizer Bankgeheimnis, an dem sich die EU und die ausländischen Steuerbehörden  die Zähne hätten ausbeissen sollen, wurde plötzlich selber zahnlos.

Die fliegende Bank

Die Swissair lässt sich in den 1990er-Jahren auf die ehrgeizige "Hunter"-Strategie ein. Denn nach dem Nein der Schweiz zum Beitritt in den Europäischen Wirtschaftsraum fürchtet das Management der nationalen Airline, dass man gegenüber der europäischen Konkurrenz ins Hintertreffen gerät. Zuvor scheiterte auch eine Fusion der nationalen Airlines aus Holland, Skandinavien, Österreich mit der Swissair. Diese kauft nun unter der Leitung von CEO Philippe Bruggisser wie wild kleinere ausländische Airlines dazu, so die belgische Sabena, die bald zum Milliardenloch wird.

Die Swissair ist nun ein Riesenkonzern mit einem verschachtelten System von Untergesellschaften. Sie wird wegen ihrer komplizierten Finanzierungssituation bald als "fliegende Bank" bezeichnet. Das Konstrukt gerät um die Jahrtausendwende in Turbulenzen. Nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 kommt das nicht für möglich gehaltene Aus. Das Wort "Grounding" wird zum Inbegriff für das schmachvolle Ende eines Nationalsymbols.

Eigenkapitalrendite von 15 Prozent

Die UBS will es nach der Finanzkrise und der Staatsrettung noch einmal wissen. Im November 2009 verkündet CEO Oswald Grübel noch einmal das Ziel einer Eigenkapitalrendite von 15 Prozent. Selbst vor der Krise wäre so etwas nur mit beträchtlichen Risiken im Investmentbanking möglich gewesen. Der Londoner Händlerskandal der UBS vom September 2011 setzt dem Ziel schlussendlich ein Ende. Grübels Nachfolger Sergio Ermotti beginnt mit dem Rückbau der Investmentbank, was der UBS zu grösserer Kapitalstärke verhilft. 

Ausfallrisiken am US-Häusermarkt sind überschaubar

Die Verbriefung von Hypothekenschulden von US-Bürgern boomt nach der Jahrtausendwende. Und je weiter die in Wertpapieren gebündelten "Mortgages" verkauft werden, desto mehr verlagert sich das Risiko von den oft klammen US-Hausbesitzern und ihren ursprünglichen Kreditgebern weg. Die Hypotheken für wenig kreditwürdige Kunden nennt man "Subprime". Banker und Ökonomen gehen in ihren Modellen davon aus, dass die Immobilienpreise weiter steigen. Die Investmentbank Lehman Brothers schätzt 2005 die Chancen auf vier zu eins ein, dass die Preise weiter um fünf Prozent im Jahr zulegen. Dazu kommt, dass verbriefte Papiere den Banken zunächst enorme Erträge und den Bankern satte Boni bringen.

Es wird fröhlich weiter in Hypothekenpapiere investiert. Die Ausfallrisiken am Häusermarkt werden als überschaubar beurteilt. Als die Preise fallen und die US-Hausbesitzer ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können, gerät Anfang 2007 alles ins Rutschen. Die massiv ins Subprime-Geschäft investierte Lehman kollabiert im September 2008 als erste Grossbank und reisst beinahe das ganze Weltfinanzsystem in den Abgrund. Rettungsmassnahmen von Staaten und Zentralbanken verhindern das Schlimmste. Der damalige Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, muss später zugeben, die Auswirkungen der Hypothekenkrise auf die Finanzmärkte unterschätzt zu haben.

Die «Roosevelt Recession»

US-Präsident Franklin Roosevelt begegnet der schweren Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren mit einem grossen Programm von Staatsausgaben, dem "New Deal". Die Wirtschaft erholt sich, und 1937 drosselt Washington die Staatsausgaben. Zur Bekämpfung der Inflation verkleinert die US-Notenbank die Geldmenge. In der Folge fallen die USA erneut in eine schwere Rezession. Der Fed sitzt dies in den Knochen: Bis heute fürchtet sie sich davor, mit einer zu frühen Straffung der Geldpolitik die Wirtschaft abzuwürgen.

Griechenland im Euro

Der Euro wird 1999 wird als Buchgeld eingeführt, 2002 als Bargeld. In der Währungsunion dabei ist Griechenland, obwohl sich das Land mit falschen Zahlen in den Euro getrickst hat. Nicht genug hingeschaut haben, je nach Ansicht, die damalige deutsche Regierung unter Gerhard Schröder, die Europäische Zentralbank oder die EU-Kommission. Die prekäre Lage zeigt sich erst mit der Finanzkrise ab 2007. Im Frühling 2010 ist Griechenland faktisch pleite. Als Teil des Euro-Raums kann das Land aber nicht ausgeschlossen werden.

Dieser Beitrag ist Teil des am 3. Februar 2016 publizierten cash-Anlegermagazins «VALUE». Dort erfahren Sie auch viel Wissenswertes über Aktien: lohnende Langfristanlagen, sechs Anlagestrategien, Tipps zu ETF.

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