Kolumne

Finanzkrise - Lehman-Pleite: Wo wir immer noch leiden

Vor zehn Jahren ist die US-Investmentbank Lehman Konkurs gegangen. In den USA, wo alles begonnen hatte, ist bald wieder Courant normal. In Europa geht das Leiden weiter. Diese 13 Punkte sollte man nie vergessen.
17.09.2018 14:27
Von Claude Chatelain
Lehman-Pleite: Wo wir immer noch leiden
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

 

1. Nachdem die Lehman-Pleite eine globale Finanzkrise auslöste, warfen die Zentralbanken rund um den Globus die Notenpresse an.

2. Das neu gedruckte Geld floss nicht in die Industrieproduktion, sondern in die Aktien-, Obligationen- und Immobilienmärkte. Als Folge davon stiegen deren Preise.

3. Der amerikanische Aktienmarkt verzeichnete am 22. August den längsten Aufschwung seiner Geschichte. Der Börsenindex S&P-500, der die Kursentwicklung der 500 grössten US-Firmen abbildet, stieg seit 2009 um 230 Prozent in die Höhe.

4. Weil das Geld in die Finanzmärkte und nicht in die Industrieproduktion floss, gabs keine Inflation, die Zinsen sanken.

5. Leidtragende tiefer Zinsen sind die Sparer. Das zeigt sich exemplarisch bei Eigenheimbesitzern. Wer das Heim abzahlt, wird kaum belohnt. Belohnt mit tiefen Hypothekarzinsen wird, wer Schulden macht.

6. Die tiefen Zinsen belasten auch unsere Vorsorgewerke. Sichere Anlagen, wie Staatsanleihen mit einer hohen Bonität, werfen kaum mehr Erträge ab.

7. Lebensversicherungen können keine akzeptablen Garantien abgeben. Rentenversicherungen sind nur noch zu hundsmiserablen Bedingungen zu haben, wenn überhaupt.

8. Geschädigt wurde auch Postfinance. Sie hat keine Möglichkeit, die ihr anvertrauten Milliarden sicher und gewinnbringend anzulegen. Sie möchte deshalb ins Hypothekargeschäft einsteigen, was ihr gesetzlich verwehrt ist.

9. Die europäischen Banken haben es nicht geschafft, ihr Kapital wieder ausreichend aufzustocken – dies im Unterschied zu den amerikanischen. 

10. Die schwache Kapitalisierung der Banken bekamen auch die Griechen zu spüren. Ein Schuldenerlass wurde ihnen erwehrt, weil sonst die deutschen und französischen Banken ihre griechischen Anleihen hätten abschreiben müssen und dadurch in Notlage geraten wären. Die Rettung Griechenlands war eine Rettung europäischer Banken.

11. Die Eidgenossenschaft hat im Eiltempo den Grossbanken strengere Auflagen gemacht. UBS und CS stockten das Kapital auf, redimensionierten das risikoträchtige Investmentbanking und entwarfen Notfallpläne. Doch beide Banken sind nach wie vor zu gross, um fallen gelassen zu werden, eben too big to fail. 

12. In den USA sitzt keiner der Verantwortlichen im Gefängnis, und Präsident Donald Trump ist drauf und dran, den Bankensektor wieder zu deregulieren.

13. Es kann von vorne losgehen. Oder wie es Professor Marc Chesney von der Uni Zürich in der NZZ formuliert: «Die Party der Finanzoligarchie geht weiter.»

 

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».