Finanzplatz Frankfurt grösster Profiteur aus Brexit-Votum

Frankfurt dürfte im Vergleich zu anderen grossen europäischen Finanzplätzen am meisten vom Brexit-Votum Grossbritanniens profitieren.
11.08.2016 06:37
Reisende am Frankfurter Hauptbahnhof.
Reisende am Frankfurter Hauptbahnhof.
Bild: cash

Das zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die Stadt am Main hat demnach im Wettbewerb mit Paris, Dublin und Luxemburg die besten Chancen, aus London verlagerte Arbeitsplätze und Firmen anzuziehen. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass Frankfurt am meisten vom Brexit-Votum profitiert", sagt Michael Voigtländer, Leiter des Kompetenzfelds Finanzmärkte und Immobilienmärkte des IW.

Nach dem Brexit-Referendum ist es ungewiss, ob Geldhäuser weiter von London aus Finanzgeschäfte in der gesamten EU betreiben dürfen. Für den sogenannten EU-Pass reicht ihnen bisher die Zulassung in Grossbritannien. Das nutzen gerade grosse US-Banken. Mehrere Banken haben schon angekündigt, Jobs zu verlagern. Die Lobbyvereinigung "Frankfurt Main Finance" rechnet mit 10'000 neuen Arbeitsplätzen am Main binnen fünf Jahren.

Für Frankfurt, so das IW, spreche der Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB), die Verantwortung für die Geldpolitik und Aufsicht über die grössten Banken der Eurozone vereint, sowie weiterer wichtiger Behörden wie der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA und des Risikorats ESRB. In Paris habe zwar die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihren Hauptsitz, doch diese sei für die Finanzbranche weniger bedeutsam als die EZB. "Die Nähe zur Notenbank ist wichtig für Banken, da sie so direkt mit der Aufsicht kommunizieren können", sagt IW-Professor Voigtländer.

Luxemburg beheimate zwar eine grosse Fondsbranche, schneide aber ebenso wie Dublin bei der Infrastruktur schlechter ab. Frankfurt sei dank des grossen Flughafens deutlich leichter zu erreichen. Ferner punkte die Stadt mit leicht verfügbaren Gewerbeimmobilien. "In Paris ist es gar nicht so einfach, freie hochwertige Büros zu finden", sagt Voigtländer. An der Seine seien zudem die Mieten für erstklassige Gewerbeimmobilien um 50 Prozent höher als am Main.

Ausserdem biete Frankfurt eine höhere Lebensqualität als die Konkurrenz dank guter medizinischer Versorgung und Infrastruktur sowie weniger Kriminalität. In einem Ranking der Unternehmensberatung Mercer stehe die Stadt auf Platz 7, Luxemburg auf Platz 19, Dublin auf Platz 33 und Paris an 37. Stelle. Auch wenn Lebensqualität eine Frage der Vorlieben sei: "Mit seiner bereits starken Position als Finanzstandort für den europäischen Binnenmarkt könnte Frankfurt weitere Banken und Investoren anziehen", folgert das IW.

London werde aber trotz Brexit-Votum wichtigstes Finanzzentrum in Europa bleiben, meinen die Wirtschaftsforscher. Dafür sprechen auch die Kräfteverhältnisse: In London arbeiteten gemäss Zahlen der Landesbank Helaba Ende 2015 rund 144'000 Menschen in der Bankenbranche, in Frankfurt waren es 62'500.

Bis britische Banker an den Main ziehen, dürfte auch noch etwas Zeit vergehen, sagt Voigtländer. Grossbritannien hat noch nicht den Austritt aus der EU beantragt und steht vor langwierigen Verhandlungen über die Handelsbeziehungen. "Erst 2017 dürfte spürbar werden, wie gross die Jobverlagerungen aus London ausfallen."

(AWP)