Flüchtlinge suchen neue Wege in die EU

Von Finnland bis Albanien melden Regierungen wachsende Zahlen von ankommenden Flüchtlingen. Sie suchen sich neue Wege in die Europäische Union.
27.02.2016 09:38
Aufgegriffene afrikanische Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa.
Aufgegriffene afrikanische Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa.
Bild: iNg

Auf den ersten Blick scheint die Wirkung enorm: Seit die mazedonische Regierung viele Flüchtlinge an der Grenze zu Griechenland zurückweist, ist die Zahl der nach Norden ziehenden Migranten massiv gesunken. In Deutschland kommen derzeit wesentlich weniger Menschen an als noch im Januar.

Dennoch warnen die Bundesregierung und auch Hilfsorganisationen davor, dass die Schließung der Balkanroute keine nachhaltige Lösung ist. Denn laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) deutet sich eine massive Verlagerung der Fluchtrouten an. Auch die EU-Regierungen registrierten dies und warnten in der Abschlusserklärung zum jüngsten Gipfel, dass die Union sich darauf vorbereiten müsse - auch aus humanitären Gründen.

Alarm wird aus allen Himmelsrichtungen geschlagen. Allein in Ungarn - dem Land, das sich als erstes mit einem Zaun an der serbischen Grenze abzuschotten versuchte - sind nach Angaben der IOM vom 17. bis 24. Februar 955 Flüchtlinge und Migranten neu angekommen, vor allem über Kroatien. In Albanien registriert die Regierung derzeit, dass einige hundert Flüchtlinge in das Land kommen wollen - viele sollen aus Nordafrika stammen. Etwa zehn pro Woche reisen durch Montenegro.

Die finnische und norwegische Regierung wiederum melden eine steigende Zahl von Menschen, die über die sogenannte "Eisroute" über Russland kommen. Zypern verzeichnet Flüchtlinge aus Ägypten. Und auch über das Schwarze Meer kommen jetzt Migranten etwa nach Rumänien und Bulgarien. Dazu gibt es im Mittelmeer die Bootsrouten von Libyen und Tunesien nach Italien sowie von Marokko aus nach Spanien.

An den Fluchtursachen hat sich nichts geändert

Für Leonard Doyle, IOM-Sprecher in Genf, ist dies wenig verwunderlich. An den Fluchtursachen - Bürgerkrieg, Verfolgung, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit - hat sich in den meisten Ländern nichts geändert. "Normalerweise bieten vor allem die gut organisierten afghanischen Schlepper ihren Kunden zudem drei Versuche an. Voll bezahlt wird erst bei der sicheren Ankunft im Zielland", sagt er. Also suchten die sehr professionellen Schleuser systematisch nach neuen Routen.

"Wenn etwa die mazedonische Grenze geschlossen wird, ist es nicht verwunderlich, dass sich der Blick auf die Straßen weiter westlich richtet", sagt er mit Blick auf Albanien. Dort, so wird in Sicherheitskreisen kolportiert, richteten sich kriminelle Gruppen bereits darauf ein, die in den 90er Jahren benutzte Fluchtroute über die Adria nach Italien wieder zu aktivieren. Ein Blick auf die Landkarte zeigt die Vielzahl möglicher Wege.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat deshalb mehrfach auf die Diskussion beim jüngsten EU-Gipfel verwiesen. "Es spüren nämlich alle, dass Fluchtrouten sich verbreitern, dass es viele Wege gibt, in einzelne europäische Länder zu kommen", sagte sie Anfang der Woche. Nur ist ihre Antwort eine ganze andere als die Österreichs und der Balkanstaaten: Statt Grenzzäune innerhalb Europas zu errichten, die immer nur eine bestimmte Route unterbrechen, müssten alle Anstrengungen darauf gerichtet sein, die EU-Außengrenzen zu schützen. Ansonsten, so die Warnung, müsse sich jedes Land gegenüber seinen Nachbarn einmauern, heißt es in der Bundesregierung mit Blick auf die offenbar vergeblichen Abschottungsversuche Ungarns.

Schickt Russland gezielt Menschen los?

Deshalb wird auch der EU-Gipfel mit der Türkei am 7. März nur ein Mosaikstein bei der Lösung des Problems sein können - allerdings ein sehr wichtiger. Fährt die Türkei wirklich einen härteren Kurs gegen Schlepper, verhindert sie das Ablegen von Booten in der Ägäis und nimmt Migranten wieder von Griechenland zurück, dann würden die Zahlen zumindest auf dieser Route drastisch sinken. Nur würden die international agierenden Schlepper-Netzwerke dann wahrscheinlich in großem Maße neue Wege in die EU suchen, um ihr Geschäft weiterführen zu können. Bereits jetzt registrieren Behörden, dass eine steigende Zahl an Syrern versucht, über den Umweg Libyen in die EU zu gelangen.

Teilweise könnten Staaten aber auch aktiv mithelfen, neue Routen zu entwickeln. EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn etwa verdächtigt Russland, gezielt die "Eisroute" zu aktivieren. Er wisse nicht, ob Russland die Menschen bewusst schicke, sagte er "Zeit Online". "Auffällig ist aber, dass das in einem Moment geschieht, in dem die EU ohnehin stark unter Druck ist." Viele der Migranten aus Tadschikistan oder Turkmenistan hätten seit vielen Jahren in Russland gelebt. "Die haben sich wahrscheinlich nicht von selbst auf den Weg gemacht", sagte er.

(Reuters)