«Footsie»: Warum ist der britische Leitindex so stark?

Trotz Brexit-Verwerfungen ist der Londoner Leitindex FTSE100 – oder einfach «Footsie» – gestiegen. Wer in diesem Index investieren will, muss einige Dinge darüber wissen.
06.07.2016 19:01
Von Marc Forster
Der Triebwerkhersteller Rolls-Royce ist durch das tiefere Pfund wettbewerbsfähiger geworden.
Der Triebwerkhersteller Rolls-Royce ist durch das tiefere Pfund wettbewerbsfähiger geworden.
Bild: Pixabay

"Crisis? What Crisis?" titelten die Wirtschaftszeitungen, nachdem sich der FTSE100 so rasch vom Schock des 24. Juni erholte, als klar wurde, dass das Vereinigte Königreich mehrheitlich für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hatte. Das Brexit-Votum brachte dem 100 Titel umfassenden Index einen Sturz von 6340 Punkten auf 5980 Punkte, doch nun steht der Index, als wäre nichts gewesen, bei 6580 Punkten.

Die britische Exportindustrie hat von einem rapide gefallenen Pfund profitiert: Die britische Währung fiel von 1,50 auf 1,30 Dollar. Die FTSE100-Unternehmen sind stark international ausgerichtet, und die 100 Titel sind zumeist Grosskonzerne, die nur sehr bedingt die britische Realwirtschaft repräsentieren. Die britischen Mid-Caps, die im FTSE250 gelistet sind, und die Stimmung im Land verlässlicher darstellen, haben sich seit dem Abstimmungstag nicht erholt: Er fiel von 17‘330 Punkten und steht aktuell bei 15‘730 Punkten.

Der britischen Wirtschaft werden derzeit düstere Zeiten vorausgesagt, zumindest vom Zentralbankchef Mark Carney. Aber dessen Marktinterventionen und die Andeutung einer Zinssenkung haben den Leitindex in den vergangenen Tagen angetrieben.

Rohstoffe, Banken und Services

ETF-Spezialist Alex Hinder sieht beim FTSE100 Aufwärtspotential: "Es empfiehlt sich aber, in ETFs mit Währungsabsicherung zu investieren. In Lokalwährung ist der FTSE100 seit der Abstimmung um 2 Prozent gestiegen, in Schweizer Franken jedoch angesichts der Abwertung des Pfunds knapp 10 Prozent gesunken."

FTSE100 in den letzten 12 Monaten (Quelle: cash.ch)

Im Rückblick auf ein Jahr spiegelt der Index die Entwicklung der Weltwirtschaft mit Konjunkturschwächen in China und der allgemeinen, aber schwankungsanfälligen Börsenerholung seit Februar. Wer in den Grosskonzerne-Index FTSE100 investieren will, beteiligt sich an einem Index, der von globalen Rohstofffirmen, Banken und Dienstleistungsunternehmen dominiert wird. Zahlreiche Investmentanbieter haben ETF auf dem FTSE100 im Programm.

Wie im SMI sind die Titel gewichtet, und den grössten Anteil hat mit 7,5 Prozent der Ölgigant Shell, gefolgt vom Bankenimperium HSBC (6,4 Prozent), dem anderen Ölmulti BP (4,6 Prozent) und dem Roche- und Novartis-Mitbewerber GlaxoSmithKline (4,4 Prozent).

Diese Aktien stehen derzeit alle höher als am Abstimmungstag. Auch der Nahrungsmittelmutli und Nestlé-Konkurrent Unilever zog an. Eine prominente Rolle spielen im FTSE100 Bergbaufirmen wie BHP Billiton, Rio Tinto oder die in Zug domizilierte Glencore. Auch sie bewegen sich im Brexit-Gewitter mit höheren Kursen.

Die im FTSE100 enthaltene Supermarktkette Tesco steht ebenfalls höher als am Abstimmungstag, Mitbewerber Sainsbury’s hingegen tiefer. Bei einer Wirtschaftsabschwächung, oder gar einer Rezession, wäre der Konsum betroffen.

Finanztitel sind Brexit-Verlierer

Verlierer sind die Finanztitel: Banken wie Lloyds Banking Group, Barclays, Royal Bank of Scotland oder auch die Versicherungskonzerne Prudential und Aviva sind deutlich gefallen und haben sich nicht erholt. Während Grossbanken-Aktien überall in Europa schon seit Monaten einen schweren Stand haben, trifft sie  nun auch die Angst vor der (nun einsetzenden) Kapitalflucht und dem Abstieg Londons als globales Finanzzentrum.

Ebenfalls getroffen ist die Aktie von British Land, einem grossen Immobilienkonzern. Der Grund dafür ist die Befürchtung, wegen der Erschütterung nach der Abstimmung könnte der Immobilienmarkt speziell in und um London zusammenbrechen. Bereits wurden in Grossbritannien Immobilienfonds geschlossen, weil zu rasch zuviel Geld abgezogen wurde.

Der grösste eigentliche Industriekonzern im Footsie ist auf Rang 27 der Gewichtung die Rolls Royce Group, das ist allerdings nicht der Luxusautohersteller, der zu BMW gehört, sondern der international tätige Flugzeugtriebwerks- und Antriebshersteller. Auch die Rolls-Royce-Aktie stieg im Brexit-Gewitter, denn ein solches Unternehmen profitiert von einer schwächeren Währung.

Die nur wenigen Industrietitel im FTSE100 verdeutlichen aber auch, dass in Grossbritannien anders als in Deutschland nicht die Industrie, sondern der Dienstleistungs-Sektor die Wirtschaft dominiert. Dies ist ein wesentlicher Grund für das britische Leistungsbilanz-Defizit, das im Zuge der Brexit-Wirren nun zum grösseren Problem wird.