Hügli meint

Frankenstärke: Schweiz muss Neues wagen

Ein Jahr nach Aufhebung des Euro-Mindestkurses stellt sich die Frage: Wie geht die Schweiz langfristig mit einem starken Franken um? Die Antwort ist: Wir werden nicht um neue Lösungen herum kommen.
15.01.2016 00:01
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.ch.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.ch.
Bild: Geri Born

Am 15. Januar 2015, also heute Freitag vor einem Jahr, hob die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euro-Mindestkurs Knall auf Fall auf. Nach anfänglichen Chaoswochen an den Devisenmärkten hat sich der Franken heute bei erstaunlichen 1,08 bis 1,10 pro Euro stabilisiert. Erstaunlich deshalb, weil sich der Franken als traditioneller Zufluchtsort verunsicherter Investoren in den letzten Monaten in einem politisch und ökonomisch höchst unstabilen Umfeld nicht auf-, sondern abgewertet hat.

Warum? Die SNB klopft sich hier auf die Schultern und verweist auf die Negativzinsen, die sie anstellle des Mindestkurses eingeführt hatte. Das kann sein, beweisen lässt sich das kaum. Die Vergangenheit führte jedenfalls das Gegenteil vor Augen: Schon Mitte der 60er-Jahre und von Juni 1971 mit Unterbrüchen bis November 1979, als die Schweiz ebenfalls unter einem ausländischen Kapitalzufluss litt, griff die SNB zum Mittel der Minusverzinsung. Der Franken stieg dennoch weiter. Es spielen heute als noch andere Faktoren mit, wie etwa die Leitzinserhöhung in den USA, welche Druck vom Franken nimmt.

Man kann es mit Blick auf die letzten Jahrzehnte drehen und wenden, wie man will: Der Franken war eine starke Währung und wird es in Zukunft auch bleiben. Die Schweiz hat seit langem tiefe Inflation, eine stabile Wirtschaft, einen kontinuierlichen Leistungsbilanzüberschuss und den Staatshaushalt im Griff. Alles Zutaten, die den Appetit der Deviseninvestoren steigern. Es sei denn, die Schweiz trete dem Euro bei - ein utopisches Szenario. Denn die Aussichten für die Eurozone bleiben auch längerfristig unsicher.

Doch welche Mittel hat die SNB, die Attraktivität unserer Währung zu verringern? Etwa eine neue Kursuntergrenze? Sowieso nicht unter dem derzeitigen Direktorium. Die Glaubwürdigkeit des Teams unter Thomas Jordan fiele an den Finanzmärkten auf das Niveau eines "Junk Bonds". Unbegrenzte Interventionen auf dem Devisenmarkt? Diesen Unsinn trieben schon Jordans Vorgänger Jean-Pierre Roth und Philipp Hildebrand auf die Spitze. Sie sind mit ihren Euro-Käufen hauptverantwortlich für das exorbitante Aufblähen der SNB-Bilanz in den letzten zehn Jahren. Eine Ausweitung der SNB-Negativzinsen? Dieses Strapazieren des Schweizer Finanz- und Vorsorgesystems wird die SNB nicht ernsthaft in Erwägung ziehen.

Wir müssen einsehen: Die Mittel zur Franken-Abwertung sind äusserst beschränkt. Das mag resignativ klingen, ist aber der Preis, den ein kleines und erfolgreiches Land mit eigener Währung und unabhängiger Nationalbank bezahlen muss. Auch die Devisenreserven werden weiter steigen, wenn die SNB wie bis anhin weiter auf dem Markt intervenieren muss, um den Franken zu schwächen. Die Schweiz hat mittlerweile die vierthöchsten Währungsreserven auf der Welt: Hinter China, Japan und Saudi Arabien. Sie machen rund 80 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus.

Wir müssen uns andere Wege überlegen, wie die Schweiz mit dieser Situation umgeht. Die nahe liegende ist: Wieso das Geld, das in die Schweiz kommt, nicht wieder hinausbefördern? Die Schweiz muss ein zweites Standbein der Geldpolitik ihrer Nationalbank einführen. Die "alte SNB" widmet sich weiter um ihre Kernaufgabe, nämlich der Überwachung der Inflationsziele. Eine "neue SNB" dagegen, eine Schwesterorganisation, soll sich um den permanenten Geldfluss in die Schweiz kümmern. Ein derartiger Staatsfonds soll das Kapital wieder aus der Schweiz hinausbefördern und im Ausland umfangreiche Investitionen tätigen - nach dem Vorbild der Staatsfonds aus Singapur oder Norwegen.

Logisch wehrt sich die heutige SNB-Führung gegen ein solches Konstrukt. Sie wäre in ihrer Kompetenz beschnitten, weil Zentralbank und Staatsfonds wegen möglicher Interessenkonflikte getrennt sein müssten. Gewiss: Die Frankenstärke wird mit einem Staatsfonds kaum vermindert. Aber wenigstens würde ausländisches Geld wieder exportiert und professionell angelegt. Die massiven Schwankungen beim Jahresergebnis der SNB beweisen, dass dies bislang nicht der Fall war.