Frankreich im Schock - Mindestens 84 Tote bei Anschlag in Nizza

(Ausführliche Fassung)
15.07.2016 12:15

Nizza/Paris (awp/sda/reu/dpa) - Frankreich im Schockzustand: In Nizza ist ein Mann mit einem Lastwagen in eine feiernde Menge gerast und hat mindestens 84 Menschen getötet, darunter auch eine Schweizerin. Mehrere hundert Menschen sollen verletzt sein.

Der Fahrer des gemieteten Lastwagens wurde beim anschliessenden Schusswechsel mit der Polizei in der Nacht zum Freitag getötet. Nach Angaben aus Polizeikreisen soll es sich um einen 31-jährigen Kleinkriminellen tunesischer Herkunft handeln.

Hinweise auf Verbindungen des Mannes zu islamistischen Netzwerken lagen zunächst nicht vor. Präsident François Hollande sprach von einem terroristischen Akt.

Er verlängerte den nach den Pariser Anschlägen vom November verhängten Ausnahmezustand um drei Monate. Hollande zufolge gab es bisher keine Hinweise auf Komplizen des Täters.

Unter den Opfern ist auch eine Schweizerin, wie das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) mitteilte. Laut der Gemeindesprecherin von Caslano TI handelt es sich um eine 54-jährige Frau, die in Agno TI heimatberechtigt ist. Ob sich weitere Schweizer Staatsangehörige unter den Opfer befinden, werde abgeklärt, schrieb das EDA am späten Vormittag.

IM ZICKZACK GEFAHREN

Das Drama hatte sich am späten Freitagabend ereignet. Hunderte Menschen hatten sich auf den Strassen des weltberühmten Badeortes versammelt, um ein Feuerwerk anlässlich des französischen Nationalfeiertages zu sehen, als der Lastwagen auf die Uferpromenade einbog.

Der Fahrer versuchte offenbar, so viele Passanten wie möglich zu erfassen. "Der Lastwagen fuhr im Zickzack über die Strasse", sagte eine Frau im Sender "France Info". Der lokale Abgeordnete Eric Ciotti sagte dem Sender, der Lastwagen sei über den Bürgersteig gerast und habe "mehrere hundert Leute niedergemäht".

Anschliessend lieferte sich der Fahrer mit Sicherheitskräften einen Schusswechsel. Nach Augenzeugenberichten dauerte es offenbar Minuten, bis die Todesfahrt gestoppt werden konnte. Mit durchsiebter Frontscheibe kam der Laster schliesslich zum Stehen.

BILD DER VERWÜSTUNG

Auch Stunden nach dem Anschlag bot die Uferpromenade ein Bild der Verwüstung. Auf dem Asphalt war eingetrocknetes Blut zu erkennen. Zerstörte Kinderwagen, unangetastete belegte Baguettes, Habseligkeiten lagen herum. In regelmässigen Abständen waren Sichtschutze auf der Strasse aufgebaut.

Bürgermeister Christian Estrosi erklärte, im Lastwagen seien Schusswaffen und Granaten gefunden worden. Die Polizei startete sofort die Fahndung nach möglichen Helfern des Fahrers.

Für Frankreich ist es der zweite schwere Anschlag seit dem Angriff mehrerer islamistischer Selbstmordattentäter in Paris vergangenen November, bei dem 130 Menschen getötet worden waren. "Frankreich ist erfüllt mit Trauer durch diese neue Tragödie", erklärte Hollande.

BEILEIDSBEKUNDUNGEN AUS ALLER WELT

Aus der ganzen Welt gingen Beileidsbekundungen in Frankreich ein. Bundespräsident Johann Schneider-Ammann reagierte "tief erschüttert und betroffen" auf das Attentat. Er drückte Frankreich, das an seinem Nationalfeiertag angegriffen worden sei, im Namen der Schweiz seine Anteilnahme aus.

"Wir müssen jede Form des Terrorismus bekämpfen", sagte Schneider-Ammann am Rande des ASEM-Gipfels in der mongolischen Hauptstadt. Allerdings gebe es dafür kein Rezept, "sonst hätten wir längst gehandelt". Beim Bundeshaus in Bern wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt.

Das Bundesamt für Polizei (fedpol) steht derzeit in Kontakt mit den französischen Ermittlungsbehörden, um abzuklären, ob ein Bezug zur Schweiz besteht, wie es auf der Webseite des fedpol heisst. Zudem analysiert der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) die Bedrohung für die Schweiz aufgrund des Anschlags.

US-Präsident Barack Obama erklärte, es handle sich offenbar um eine Terror-Attacke, die er auf das Schärfste verurteile. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sprach von einem "massenmörderischen Anschlag". Ähnliche Reaktionen kamen aus Grossbritannien und Italien.

cf

(AWP)