Frankreich steckt bei Börsenfusion in einem Dilemma

Die Reaktionen aus Frankreich auf den geplanten Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange (LSE) fielen eindeutig aus.
23.10.2016 14:42
Emmanuel Macron, Wirtschaftsminister von Frankreich, ist über den geplanten Börsenzusammenschluss nicht erfreut.
Emmanuel Macron, Wirtschaftsminister von Frankreich, ist über den geplanten Börsenzusammenschluss nicht erfreut.
Bild: Bloomberg

Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und Finanzminister Michel Sapin warnten umgehend vor der Entstehung eines übermächtigen Börsenkonzerns in Europa. "Wir werden uns dafür einsetzen, dass sich die EU-Kommission das ansieht und die Entstehung einer dominanten Marktposition verhindert", sagte Sapin. Der Hintergrund: Durch die gut 25 Milliarden Euro schwere Verschmelzung würde die in Paris beheimatete Mehrländerbörse Euronext aus Sicht von Analysten noch weiter an den Rand gedrängt.

Doch nun kommen die Franzosen ins Grübeln. Deutsche Börse und LSE haben nämlich angekündigt, im Falle einer Fusion das französische Abwicklungshaus Clearnet SA zu verkaufen, an dem die Euronext großes Interesse hat. Finanzkreisen zufolge haben die Franzosen mit der LSE bereits erste Gespräche über einen Kauf der Sparte aufgenommen - sie stecken dabei jedoch in einem Dilemma. "Natürlich möchte Euronext Clearnet gerne kaufen", sagt ein mit den Gesprächen vertrauter Banker. "Aber noch lieber wäre es Euronext wahrscheinlich, wenn der Zusammenschluss von LSE und Deutsche Börse platzt."

Falls die Euronext Clearnet übernimmt, würde aus Sicht von Experten jedoch die Wahrscheinlichkeit steigen, dass die EU-Wettbewerbshüter grünes Licht für die deutsch-britische Börsenhochzeit geben. Schließlich gäbe es bei der Abwicklung von Derivategeschäften in Europa dann einen weiteren Wettbewerber.

Das Buhlen hat begonnen

Im Handel sind die Margen seit Jahren unter Druck, deshalb gewinnt das sogenannte Nachhandelsgeschäft für alle Börsenbetreiber an Bedeutung. Clearinghäuser springen ein, wenn am billionenschweren Derivatemarkt ein Handelspartner ausfällt. So sollen die Transparenz und die Sicherheit des Finanzsystems erhöht werden. Auf Druck der Politik müssen künftig mehr Derivategeschäfte über Clearinghäuser abgewickelt werden.

Und der Poker um Clearnet hat noch weitere politische Komponenten. Die französische Regierung möchte, dass kritische Marktinfrastruktur von heimischen Unternehmen kontrolliert wird. Und sie fordert wie Politiker aus anderen europäischen Ländern, dass Euro-Derivategeschäfte nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU nicht mehr in London abgewickelt werden dürfen. Die Chancen für dieses Anliegen stehen aus Sicht von Experten gut.

Hinter den Kulissen buhlen Frankfurt und Paris bereits intensiv um die Ansiedlung des Londoner Clearinggeschäfts, schließlich hängen daran tausende Arbeitsplätze. Beim Werben um Geschäfte aus London nach dem Brexit-Votum sei das Derivate-Clearing "der wichtigste Wettbewerb", betont Hubertus Väth. Er ist Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance, dem Sprachrohr des Finanzplatzes Frankfurt.

Zerstückelt und ausgespuckt

Euronext betreibt Börsen in Frankreich, Belgien, Portugal und den Niederlanden, hat in den vergangenen Jahren aber stark an Bedeutung verloren. 2007 schloss sich der Konzern zunächst mit der New York Stock Exchange (Nyse) zusammen. Sechs Jahre später schluckte der US-Konkurrent ICE dann den fusionierten Konzern und spaltete die Euronext anschließend wieder ab. Die ICE habe die Nyse Euronext "zerstückelt, die ihres Erachtens werthaltigen Teile einbehalten und die wertlosen ausgespuckt", spottete Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter im Mai. Deshalb sei Euronext heute nur noch 2,5 Milliarden Euro wert und stehe ohne eigenes Abwicklungshaus da.

Um dieses Defizit zu beheben, hat sich Euronext bereits mit 20 Prozent am niederländischen Clearinghaus EuroCCP beteiligt, das allerdings vor allem Aktiengeschäfte abwickelt. Die Übernahme von Clearnet wäre der nächste, folgerichtige Schritt. "Wir wären ein logischer Käufer, aber nicht zu jedem Preis", betont Euronext. Nach Einschätzung eines Bankers könnte der Kaufpreis für Clearnet SA rund 400 Millionen Euro betragen.

Im Umfeld der Euronext heißt es, das Unternehmen sei nicht auf einen Kauf von Clearnet angewiesen und habe auch andere Optionen. Viel Zeit zum Pokern bleibt den Franzosen bei dem Thema aus Sicht von Experten allerdings nicht. Denn Bankern und Branchenkreisen zufolge könnten auch die US-Börsen CME und ICE ihre Fühler nach Clearnet ausstrecken.

(Reuters)