Frauen in Top-Stellen: Forscherin zeichnet historische Hürden nach

Bei der Gleichstellung der Geschlechter hinkt die Schweiz hinterher. Eine Historikerin der Uni Lausanne zeichnet die historischen Hürden nach, die Frau beim Einzug in Verwaltungsräte von Unternehmen im Weg standen und stehen.
30.09.2019 09:43

Der Frauenanteil in Verwaltungsräten von Schweizer Grossunternehmen liegt unter jenem in anderen Ländern. Gegen Quoten wehrt sich insbesondere die Wirtschaft. Dabei wären sie eine Chance, einen historisch bedingten Rückstand der Schweiz bei der Gleichstellung der Geschlechter aufzuholen, wie Stéphanie Ginalski von der Universität Lausanne in einem Beitrag in "Social Change in Switzerland" darlegt.

In ihrer Publikation "Frauen an der Spitze schweizerischer Grossunternehmen: Eine historische Analyse der Geschlechterungleichheit" beschreibt sie die Faktoren, warum sich die Schweiz mit dem Einbezug von Frauen in Verwaltungsräte so schwer tut.

Dass Schweizer Frauen erst in den 1970er Jahren das Stimm- und Wahlrecht erlangten, deutlich später als in anderen Ländern, hat auch zum Rückstand bei der Stellung der Frauen in der Wirtschaft beigetragen, erklärte Ginalski im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Militärkarriere als Türöffner

Der Fokus im Kampf um Gleichstellung der Geschlechter fokussierte lange aufs Stimm- und Wahlrecht. Bis in die 1970er Jahre waren die wenigen Frauen in Verwaltungsräten Mitglied der Eigentümerfamilien des jeweiligen Unternehmens, hiess es in einer Mitteilung von "Social Change in Switzerland".

"Ein weiterer Faktor war, dass der militärische Rang lange Zeit ein wichtiges Kriterium war, um für einen Sitz in einem Verwaltungsrat ausgewählt zu werden", so Ginalski. Da Frauen nicht Teil des Militärs waren, fehlte ihnen auch ein wichtiger "Ausweis" und das "Vitamin B" für den Einbezug in einen Verwaltungsrat.

Erst nach Erlangen des Frauenwahlrechts konnten einige Frauen auch jenseits der Familienunternehmen in den wirtschaftlichen Netzwerken der Grossunternehmen Fuss fassen. Vor allem im Einzelhandel erhoffte man sich durch ihr Mitwirken ein besseres Verständnis der weiblichen Kundschaft. Erst ab Ende des letzten Jahrhunderts wuchs allmählich der Frauenanteil in Verwaltungsräten auch in anderen Branchen.

Von allein ändert sich nichts

Heute seien insbesondere in Bundesbetrieben und in multinationalen Unternehmen Bemühungen erkennbar, den Frauenanteil in Verwaltungsräten zu erhöhen. Eine Frauenquote könnte helfen, den Rückstand der Schweiz aufzuholen.

Dass sich von allein und ohne Quote oder zumindest politischen Druck nichts ändert, zeigt das Beispiel Norwegens: Die Frauenquote für Verwaltungsräte erhöhte dort zwar den Frauenanteil. "Da die Quote jedoch nicht für die Geschäftsleitung gilt, blieb der Frauenanteil dort gleich tief", so Ginalski.

(AWP)