Fred Kindle: «Fast ein Zustand wie vor der Krise»

Private-Equity-Experte und ex-ABB-Chef Fred Kindle ist für seine Branche und die Konjunktur «viel optimistischer als auch schon», wie er im cash-Interview sagt. Er sieht Frankreich als das Sorgenkind Europas.
28.01.2013 06:00
Interview: Daniel Hügli, Davos
Fred Kindle war bis Februar 2008 ABB-CEO.
Fred Kindle war bis Februar 2008 ABB-CEO.
Bild: Bloomberg

cash: Herr Kindle, wie spürt man den Börsenaufschwung und die Erholung der Wirtschaft in der Private-Equity-Branche?

Fred Kindle: Wir sind natürlich auf verschiedene Weise vom Verlauf der Konjunktur abhängig. Die Finanzierung bei neuen Geschäftsabschlüssen ist derzeit viel einfacher als auch schon, speziell in den USA. Dort haben wir fast einen Zustand wie vor der Krise.

Nimmt die Börse nicht schon viel vom Aufschwung vorweg?

Wahrscheinlich ist schon vieles eingepreist, wie man so schön sagt. Aber insgesamt bin ich viel optimistischer als auch schon. In den USA ist der Aufschwung tatsächlich da. Das kann man am wichtigen Häusermarkt ablesen, die Zahlen dort steigen dramatisch. In China scheint die Wachstumsdelle überwunden. Europa wird nach wie vor eine Menge Defizite aufweisen. Doch die ärgsten Probleme, von denen man ausgegangen war, treten vermutlich nicht ein.

Ist das nicht eine trügerische Ruhe, die in Europa eingekehrt ist?

Ruhe ist vielleicht das falsche Wort. Alle Politiker und Geschäftsleute sind sich aber bewusst, dass noch viel tun ist.

Wo sehen Sie die grössten Gefahrenherde in Europa?

Die gehen nach wie vor von den südeuropäischen Ländern aus und auch von Frankreich. Was die Regierung in Frankreich macht, ist vom ideologisch-parteipolitischen Standpunkt gesehen nachvollziehbar. Aber mit der Politik kann man kein Wachstum herstellen. Die Regierung setzt wirklich alles daran, dass niemand mehr in Frankreich investiert. Frankreich ist für mich ein richtiges Sorgenkind. Sollte Frankreich abgleiten, dann hat Europa ein Problem.

Wie sehen Sie die konjunkturellen Perspektiven für die Schweiz?

Für die Schweiz gilt dasselbe wie schon während der letzten 50 Jahre: Das Land hat sich während der Krisen immer zusammengerauft und ging dann gestärkt in die Zukunft. Die Stärke des Frankens hat in der Industrie natürlich zu Problemen geführt. Die Unternehmen waren gezwungen, sich kostengünstiger aufzustellen. Das wird sich in der Zukunft positiv auswirken.

Der Franken fiel jüngst gegen den Euro auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren. Geht die Abschwächung weiter oder geht der Kurs wieder Richtung Kursuntergrenze?

Eine Antwort hier ist natürlich etwas spekulativ. Aber wenn Europa die Hausaufgaben macht, dann dürfte der Euro weiter gewinnen.

In der Schweiz wird bereits eine Erhöhung oder Abschaffung der Kursuntergrenze gefordert. Soll die SNB das machen?

Ich glaube, die Kursuntergrenze hat sich bewährt und hat bislang auch niemandem gross geschadet. Sie sollte sicher noch eine Weile Bestand haben.

Wie sollten Investoren derzeit investiert sein…

…in Private Equity natürlich (lacht)

Und wenn man das nicht will?

Was wir in den letzten zehn Jahren lernen konnten als Investoren, dann dies: Es gibt immer Überraschungen. Daher sollte man immer diversifiziert sein, sowohl bezüglich Industriesektoren, Währungen und auch geographisch. Das zahlt sich aus, wenn man als Investor langfristig orientiert ist.

Das Interview wurde am World Economic Forum (WEF) in Davos geführt, das am Sonntag zu Ende ging.

Der Liechtensteiner Fred Kindle ist seit September 2008 Partner bei der US-Beteiligungsgesellschaft Clayton, ­Dubilier & Rice in London. Der Ingenieur ­arbeitete für Hilti, McKinsey und bis 2005 für Sulzer, zuletzt als CEO. Bis Februar 2008 war Kindle Konzernchef von ABB.