Kolumne

Fussball in China - Konfuzius dribbelt

Der Ball ist rund. Besonders in China. Hunderte von Millionen werden investiert. Doch Parteichef und Fussballfan Xi Jinping will den Ball flach halten. Vorerst jedenfalls.
20.03.2017 07:04
Peter Achten, Asienkorrespondent
Konfuzius dribbelt

Am Ende der Transfer-Periode Ende Februar und zu Beginn der Super-League-Saison anfangs März geriet Chinas Fussball wieder einmal in die Schlagzeilen. Manchester-United-Ikone Wayne Rooney, so verbreiteten es die Medien, wolle seine Karriere im Reich der Mitte fortsetzen. Im goldenen Käfig sozusagen. Geboten wurden dem 31 Jahre alten Balltreter über eine Million Dollar. Pro Woche notabene. Rooney lehnte ab, denn er will seinen Kult-Status mit der Teilnahme an der Fussball-WM 2018 in Russland zementieren. In China spielend, würde er des tieferen Spielniveaus wegen nicht mehr aufgeboten.

Millionen

Rooney freilich ist nur einer von mehreren europäischen und lateinamerikanischen Spielern, die mit traumhaft hohen Beträgen in die chinesische Liga gelockt werden sollen. Die chinesischen Klubs haben in der Winter-Transferperiode für 410 Millionen Dollar eingekauft, ein neuer Rekord. Der Brasilianer Oscar von Chelsea ging für 63 Millionen Dollar über den Ladentisch zu Shanghai SPG. Der Argentinier Carlos Tevez von Manchester United wechselte gar für eine Ablöse von 90 Millionen zu Shanghai Shenhua. Dort wird er mit einem Jahressalär von 40 Millionen Dollar zum bestverdienenden Kicker der Welt. Chinas gargantueske Einkäufe und Umsätze katapultierten die Super League nach einem Fifa-Bericht vom 20. Rang 2015 auf den fünften Rang im vergangenen Jahr. Immer noch weit hinter der English Premier League, aber noch vor Frankreich oder Portugal.

Soft power

Sport und mithin auch das Spiel mit dem runden Leder wird im Reich der Mitte von der mächtigen Zentralen Planungs- und Entwicklungskommission dirigiert und ist Teil einer umfassenden Langzeit-Strategie. Damit soll der wachsende ökonomische und politische Einfluss auf dem Globus durch Soft Power untermauert werden. Zur «Weichen Macht» gehören Kultur etwa in Form der mittlerweile über 300 Konfuzius-Institute weltweit, darunter auch in der Schweiz.

Die Herzen und Gefühle der Massen sind aber auch mit Sport zu erreichen. Fussball ist unter allen Sportarten wohl die universellste. Da trifft es sich, dass Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping ein bekennender Fussballfan ist. Bereits in seiner Jugend soll er nicht mit dem Ping-Pong-Schläger das weisse Bällchen geschmettert, sondern vielmehr das runde Leder getreten haben. Der Partei-Legende nach hat schon der «Grosse Vorsitzende» Mao Dsedong als «überragender Torhüter» gewirkt. Xi jedenfalls hat dem modernen chinesischen Fussball klare Ziele gesetzt.

2 Pünktchen

Erstens soll sich die Nationalmannschaft endlich, endlich wieder einmal für eine WM qualifizieren. Das gelang nämlich erst einmal. In Südkorea 2002 bezogen die Chinesischen Ballkünstler dann drei schmachvolle Niederlagen und schossen kein einziges Tor. In der Qualifikation für die WM 2018 in Russland überstand das chinesische Team zwar die Vorrunde, doch jetzt sieht es zappenduster aus. In einer Gruppe mit Iran, Südkorea, Usbekistan, Syrien und Qatar steht China nach fünf Spielen an letzter Stelle mit gerade einmal 2 Pünktchen. Ob der Italienische Star-Trainer Marcello Lippi, einst Weltmeister mit Italien und mehrfacher China-Meister mit dem Millionärsclub Gaungzhou Evergrande, da noch etwas ändern kann, werden die nächsten Monate zeigen. Mindestens Lippi ist hoch motiviert, ist ihm doch ein Jahresgehalt von 18 Millionen Dollar sicher.

Zauberzwerg und Messi

Punkt Zwei in der Langzeitstrategie des obersten chinesischen Fussballfans Xi ist die Ausrichtung der WM 2026 oder 2030. Letztes Ziel ist der WM-Titel und mithin die Erreichung des Status einer Weltmacht auch im Fussball. Ihr Korrespondent, bekennender FCB-Fan – FC Basel 1893, FC Beijing Guo’an 1992 und FC Barcelona 1899 und zwar in dieser Reihenfolge – hat als Fussball-Experte und China-Kenner in dieser Kolumne den Zeitpunkt einer chinesischen Fussballkrone bereits einmal prognostiziert. 2038 an den WM in Grönland wird das von Messi gecoachte China den Final mit 4:1 Toren gewinnen und zwar gegen die von Zauberzwerg Shaqiri trainierten Schweizer. Jawoll!

Fürstliches Gnadenbrot

In der realen Welt von 2017 versucht China sich mit Millionensummen dem langfristigen Fussballziel anzunähern. Im Staatskapitalistischen System Chinas machen die Unternehmer mit Ueberzeugung mit. Sie klotzen und kleckern. Verdienten sich einst alternde Fussballstars ein fürstliches Gnadenbrot in den Golfstaaten, China oder Nordamerika, zieht es nun jüngere Kicker immer mehr in Chinas Super League. Dort haben mittlerweile auch europäische und lateinamerikanische Trainer angeheuert, sowie neulich Schiedsrichter. Sogar dem Pfeifenmann des Jahres 2016, Marc Clattenburg von der English Premier League, soll ein lukratives Angebot vorliegen.

Die Jugend

Nach dem Langzeitplan der Zentralen Planungs- und Entwicklungskommission soll aber nicht nur mit der grossen Kelle angerichtet werden. Vielmehr sollen mit umfassender Jugendarbeit die künftigen chinesischen Messis, Ronaldos und Shaqiris herantrainiert werden. So sollen bis 2020 über 60'000 Fussballfelder gebaut und 20'000 Fussball-Akademien gegründet werden. Bis ins Jahr 2030 sollen dann 50 Millionen junge Kicker dem Kunstlederball hinterherrennen. Bereits jetzt betreiben die Clubs der Super League professionell Jugendabteilungen mit meist ausländischem Trainerpersonal. Der sechsfache Landesmeister und zweifache Sieger der Asian Champions League, Guangzhou Evergrande, ist inzwischen ein hochprofessioneller Club, der den Vergleich mit der English Premier League nicht mehr zu scheuen braucht. Das ist nicht selbstverständlich. 2013 wurde der chinesische Fussball von einem beispiellosen Skandal erschüttert. Spieler, Trainer, Schiedsrichter waren in umfassend angelegte Wettbetrügereien verwickelt. Der Präsident des Fussballverbandes und sein Vize wanderten ins Gefängnis.

Mehr Chancen für chinesische Spieler

Die wegen der hohen Transfer- und Gehaltssummen für Schlagzeilen sorgenden Transfers geben den obersten Fussballplanern Chinas offenbar auch zu denken. Das Parteiblatt Renmin Ribao (Volkstageszeitung) etwa bezeichnete die Ausgaben im Fussball eine «Blase» und kommentiert: «Die Gesamtausgaben übertreffen bei weitem den ökonomischen Wert für die Liga». Die englischsprachige Regierungszeitung «China Daily» bewertet die Entwicklung in der Super League mit den astronomischen Trainer- und Spieler-Gehältern als «sehr schlecht für die Zukunft des Chinesischen Fussballs». Immerhin hat die Chinese Football Association (CFA) für die neue, seit Anfang März laufende Saison eine Anpassung der Transferregeln vorgenommen. Anstatt fünf dürfen Clubs nur noch vier ausländische Spieler verpflichten, und pro Match dürfen nur drei ausländische Kicker eingesetzt werden. Ziel der Regelanpassung: mehr Chancen für chinesische Spieler.

Investitionen rund um den Globus

Am Langzeitziel aber wird festgehalten. Interessant dabei ist, wie renommierte Unternehmen Soft Power und harte Geschäftswirklichkeit in Uebereinstimmung bringen. «China Media Capital» (CMC) investiert rund um den Globus in Sport und Unterhaltung. So ist etwa CMC mit 15 % an der City-Fussballgruppe, u.a. Manchester City, beteiligt, ebenso mit 20% an Atletico Madrid. Dazu kommen Uebernahmen oder Beteiligungen an Infronts Sport and Media, Ironman Triathlon, Holywood Film Studio Legendary, sowie ein FIFA Sponsoring Deal und ein Disney-ähnlicher Park in Beijing und vieles mehr. Nach Vorstellung von Xi Jinping generieren Sport-Investoren und andere Unternehmen Einnahmen, schaffen Arbeitsplätze und erlauben so dem Reich der Mitte, seine Soft Power weltweit zu verbreiten.

Das SCG-Modell

Ein Modellfall ist die Suning Commerce Group (SCG) aus der Provinz Jiangsu. Sie betreibt Verkaufszentren für TV-Apparate, Kühlschränke, Waschmaschinen sowie Digital- und IT-Produkte. Dazu kommt eine erfolgreiche Online-Plattform zum Verkauf von Büchern, Haushaltsartikeln und Gesundheitsprodukten. Die SCG erzielt pro Jahr einen Umsatz von 21,5 Mrd. Dollar und entlöhnt 25'000 Angestellte. Wie andere chinesische Grossunternehmen hat SCG auch im Fussball investiert und betreibt den Fussballclub Jiangsu Suning. Daneben hält SCG 70% an Inter Mailand und hat für 407 Millionen Dollar die chinesischen TV-Rechte für fünf Jahre an der in China beliebten spanischen La Liga erworben. Für die brasilianischen Kicker Ramires und Alex Teixeira hat SCG überdies zig Millionen Dollar in die Hand genommen. SCG ist mit andern Worten so etwas wie ein Modellfall für langfristige Vision der zentralen Planungs- und Entwicklungskommission.

Viele ausländische aber auch chinesische Beobachter zweifeln daran, ob Xi Jinpings grosser Fussballtraum auch Wirklichkeit werden wird. Doch wer hätte vor zwanzig, dreissig Jahren gedacht, dass China sich ökonomisch und sozial derart schnell entwickeln wird? Deshalb liebe Fussballfans: Abwarten und Grün-Tee trinken. Schliesslich hat China vor über 2'000 Jahren den Fussball erfunden. Das ist für einmal keine chinesische Behauptung. Im schönen Buch «Laozi flankt, Konfuzius dribbelt» hat das Helmut Brinker, einst Professor für Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, nachgewiesen. Deshalb sagt Ihr Korrespondent nur: Grönland 2038!

Weitere Informationen

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.