GAV-Löhne steigen 2016 durchschnittlich um 0,4 Prozent

Neuenburg (awp/sda) - Mitarbeitende mit einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) haben dieses Jahr durchschnittlich 0,4% mehr Lohn als im Vorjahr in der Tasche. Lohnerhöhungen gab es aber längst nicht für alle. In der Industrie mussten Angestellte gar sinkende Löhne hinnehmen.
05.10.2016 16:24

Lohnerhöhungen gab es für rund 524'000 Personen, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) am Mittwoch mitteilte. 105'600 Personen sind einem GAV unterstellt, bei dem die Lohnverhandlungen gescheitert sind.

Die Lohnerhöhungen seien "nicht gewaltig, aber immerhin etwas angesichts der angekündigten Nullrunden nach der Aufhebung des Euromindestkurses", sagte Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Von einer mageren Lohnrunde spricht Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik beim Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse. Das sei nun bereits das dritte oder vierte Jahr in Folge. Das bestätigt auch ein Blick in die BFS-Statistik: In den Vorjahren betrugen die GAV-Lohnerhöhungen jeweils zwischen 0,7 und 0,8%.

LOHNKÜRZUNGEN IN DER INDUSTRIE

Es zeige sich eine geteilte Wirtschaft, sagte Fischer. Einige Branchen litten stark unter der Aufwertung des Frankens. Im Januar 2015 hatte die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euromindestkurs aufgehoben.

Hart traf es die exportorientierte Industrie, deren Güter sich im Ausland verteuerten. Das spürten auch die Angestellten. Im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Metallindustrie gab es laut BFS 0,5 beziehungsweise 1,7% weniger Lohn. In acht weiteren Branchen traten die GAV-Löhne auf der Stelle. In der Verkehrs-, Post- und Kurierbranche sowie bei Versicherungen und Banken hingegen stiegen die Löhne 2016 zwischen 1,1 und 1,4%.

HÄUFIG INDIVIDUELLE LOHNERHÖHUNGEN

Aber auch in diesen Branchen profitierten nicht alle gleichermassen von den Lohnzuwächsen. Im Dienstleistungssektor wurden rund zwei Drittel der Lohnerhöhungen individuell vorgenommen. Über alle Branchen hinweg beträgt der Anteil von individuellen Lohnerhöhungen 57%.

Die individuellen Lohnerhöhungen sind seit längerem ein Streitpunkt zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Die Gewerkschaften argumentieren, von individuellen Erhöhungen profitierten meist Angestellte mit hohen Einkommen. Häufig würden Ungerechtigkeiten festgestellt.

Der Arbeitgeberverband hingegen stellt sich auf den Standpunkt, generelle Lohnerhöhungen sollten grundsätzlich nur dort erfolgen, wo Leistungen für das Unternehmen gemeinschaftlich im Zusammenspiel der Mitarbeitenden erbracht wurden. Individuelle Leistungsbereitschaft sollte hingegen auch individuell abgegolten werden.

Als erfreulich bezeichnen die Gewerkschaften den Zuwachs bei den GAV-Mindestlöhnen, der mit 0,7% dieses Jahr stärker ausgefallen ist als die Erhöhungen der Effektivlöhne. Das helfe, die Lohnschere zu schliessen, sagte Fischer. Auch Lampart zeigte sich erfreut über diesen Zuwachs, zumal auch Mindestlöhne generelle Erhöhungen seien und mehr Schutz böten.

MINDESTLÖHNE ZIEHEN AN

Derweil sind vielerorts die Verhandlungen für die Lohnrunde 2017 gestartet. Für eine Wasserstandsmeldung ist es laut Fischer und Lampart aber zu früh. Klar ist allerdings: Nach der Mini-Lohnerhöhung in diesem Jahr wollen die Gewerkschaften nun wieder mehr herausholen. Travail.Suisse fordert rund 1%, der SGB bis zu 1,5% mehr Lohn.

Dennoch dürfen auch nun nicht allzu hohe Sprünge erwartet werden. Zwar dürften die Konsumentenpreise im kommenden Jahr erstmals wieder leicht steigen und damit bei den Verhandlungen eine Rolle spielen, wie Lampart sagt. Die tiefe Teuerung bleibt laut Fischer aber ein "Killerargument".

Nicht in die Berechnung der Teuerung fliessen indes die Krankenkassenprämien ein. Diese steigen kommendes Jahr für Erwachsene durchschnittlich um 4,5%. "Es ist klar, dass etwas gehen muss", sagt Lampart dazu. Zwar müssten primär die Prämienverbilligungen steigen. Wo es jedoch möglich sei, sollten Unternehmen etwas beitragen.

Ökonomen rechnen indes mit einer verhaltenen Lohnentwicklung im kommenden Jahr: Die Credit Suisse beispielsweise geht in ihren Konjunkturprognosen von einem Lohnplus von 0,5% aus.

(AWP)