Gefälschte Ablaufdaten von Medikamenten und rostige Kanülen

(Verschiedene Meldungen zusammengefasst) - Gleich zwei Fälle von gravierenden Mängeln im Gesundheitswesen sind am Wochenende publik geworden. Im Wallis fälschte eine Firma die Ablaufdaten eines Krebsmedikaments. Und drei Spitäler haben Bussen kassiert, nachdem sie verschmutzte Kanülen aus Pakistan eingekauft und verwendet hatten.
14.01.2018 13:52

Von gefälschten Verfallsdaten betroffen war das Krebsmedikament Thiotepa. Die meisten der beinahe 100'000 betroffenen Dosen gingen nach Frankreich. Doch auch Schweizer Spitäler haben teilweise mehrere hundert Dosen gekauft, von denen laut dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic 85% ein falsches Datum hatten: das Inselspital Bern, die Universitätsspitäler in Genf und Basel sowie die Kantonsapotheke Zürich.

Swissmedic-Sprecherin Danièle Bersier bestätigte am Sonntag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda einen Bericht von "Le Matin Dimanche" und "SonntagsZeitung". Die Affäre sei in ihrer Grössenordnung einzigartig, und die Patienten seien einem Risiko ausgesetzt gewesen.

HERSTELLER WURDE SKEPTISCH

Die Daten gefälscht hat eine Firma aus dem Wallis. Sie bestellte offenbar ab 2005 von einem deutschen Labor mehrere Lieferungen Thiotepa. Weil bereits zwei Jahre später der Verkauf stockte und weitere Lieferungen kamen, begann die Firma, die Dosen mit falschen Ablaufdaten zu etikettieren. Dadurch konnten sie trotzdem verkauft werden. Die Haltbarkeit von Thiotepa beträgt nur 18 Monate; entsprechend war die Wirksamkeit des Medikaments beeinträchtigt.

Gleichwohl verkaufte die Firma noch bis 2011 über 100'000 Dosen Thiotepa, von denen laut Swissmedic der grösste Teil falsch angeschrieben war. Die Manipulation flog auf, als der deutsche Hersteller bemerkte, dass noch Thiotepa im Umlauf war, das längst hätte abgelaufen sein müssen. Das Heilmittelinstitut begann mit Ermittlungen.

VOR ZWEITER INSTANZ

2016 folgte der Prozess. Die Verantwortlichen der Walliser Firma gaben die Fälschungen zu, das Bezirksgericht in Martigny VS verurteilte zwei Personen zu Bussen von mehreren tausend Franken.

Strittig ist die Frage, ob das Leben der Patientinnen und Patienten aufs Spiel gesetzt wurde. Für Swissmedic ist dies klar der Fall - die Zulassungs- und Aufsichtsbehörde hat den Fall deshalb an die nächste Instanz weitergezogen.

Die betroffene Firma im Wallis ist inzwischen aus dem Handelsregister gelöscht.

ROST UND METALLSPLITTER

Interveniert hat Swissmedic auch im Fall von fehlerhaften Medizinprodukten. Eine Firma mit Sitz in Zug - auch sie ist inzwischen gelöscht - hat unter anderem Kanülen für Herzoperationen an Babys und Saugkanülen in Pakistan bezogen.

Drei Schweizer Spitäler haben diese eingekauft und verwendet: die Universitätsspitäler Zürich und Basel sowie das Kantonsspital St. Gallen. Obwohl sich herausstellte, dass die Kanülen teilweise rostig oder verbogen waren, abbrachen oder Metallsplitter enthielten, haben die Spitäler Swissmedic als Aufsichtsbehörde nicht informiert.

MELDEPFLICHT VERLETZT

Swissmedic sieht darin die Meldepflicht auf schwerwiegende Weise verletzt und hat die Kliniken mit Bussen von 5000 Franken bestraft. Sprecherin Bersier bestätigte auf Anfrage einen Bericht der Tamedia-Mantelredaktion.

Auf die Missstände und die belieferten Spitäler aufmerksam geworden ist Swissmedic aufgrund einer Hausdurchsuchung bei der Zuger Firma. Anfang 2017 eröffnete die Behörde Strafverfahren gegen die drei Kliniken, im Juli sind sie bestraft worden. Im Wiederholungsfall kann eine Busse von bis zu 50'000 Franken ausgesprochen werden.

Die Universitätsspitäler Zürich (USZ) und Basel (USB) teilten auf Anfrage mit, für Patientinnen und Patienten habe keine Gefahr bestanden. Beide Institute haben das Material umgehend aus dem Verkehr gezogen und den Lieferanten informiert. Das USZ schreibt, die zuständigen Stellen im Spital hätten die Meldepflicht falsch eingeschätzt. Das USB teilt mit, man habe Swissmedic versehentlich nicht informiert, was Pflicht gewesen wäre.

(AWP)