Gegenwind für Linde-Fusion mit Praxair auch aus der Politik

(Ausführliche Fassung) - Der Widerstand gegen die geplante Fusion von Linde und seinem US-Konkurrenten Praxair zum weltgrössten Gasekonzern wächst. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet einen massiven Stellenabbau und lehnt den Zusammenschluss entschieden ab. Unterstützung bekommen die Arbeitnehmer jetzt auch von der Bundesregierung und der bayerischen Landesregierung.
30.03.2017 14:32

"Ein solcher geplanter Zusammenschluss braucht die Akzeptanz der Arbeitnehmerseite", und "diese ist derzeit offenbar nicht vorhanden", sagte Staatssekretär Matthias Machnig (SPD) dem "Handelsblatt" (Donnerstag). Ausserdem sei "die ökonomische Rationalität eines solchen Vorhabens nicht überzeugend dargelegt".

Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) forderte am Donnerstag in München, "dass nicht gegen die Arbeitnehmer entschieden wird". Die Sorge der Arbeitnehmerseite um die langfristige Sicherung und Eigenständigkeit von Linde sei bemerkenswert. Aigner forderte die Kapitalseite im Aufsichtsrat auf, dass jetzt "im Aufsichtsrat gemeinsam und nicht gegen die Arbeitnehmerschaft entschieden wird".

Die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE sorgen sich um die 8000 Arbeitsplätze von Linde in Deutschland. Der Europäische Betriebsrat von Linde warnte in einem Rundbrief an die Belegschaft, die Fusion bringe einen erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen, die Abschaffung der Grundwerte der Mitbestimmung und "einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird". Die Arbeitnehmervertreter kündigen an: "Die europäischen Betriebsräte und Belegschaften werden sich daher vehement der geplanten Fusion mit Praxair widersetzen."

Praxair ist kleiner als Linde, aber beide Unternehmen streben eine "Fusion unter Gleichen" an, und geführt würde der neue Konzern von Praxair-Chef Steve Angel in den USA. Der Linde-Aufsichtsrat soll den Fusionsvertrag noch vor der Linde-Hauptversammlung am 10. Mai unter Dach und Fach bringen. Wenn die Arbeitnehmerseite dagegen und die Kapitalseite dafür stimmt, wird die Stimme von Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle zum Zünglein an der Waage. Bei einer Fusion soll er Aufsichtsratschef des neuen Konzerns werden.

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni warb in einem Aktionärsbrief, der neue Konzern hätte als Weltmarktführer eine global ausgewogene starke Position. Der Zusammenschluss bringe jährliche Synergien von einer Milliarde Dollar. Belloni zufolge bedeutet Grösse im Gasegeschäft höhere Gewinnmargen und sichere Arbeitsplätze. Allerdings sind auch harte Kartellauflagen zu erwarten. In Amerika und Europa müsste der neue Konzern wohl Geschäfte aufgeben, heisst es in Industriekreisen. Der Aktienkurs von Linde blieb seit der Wiederaufnahme der Fusionsverhandlungen hinter dem Dax zurück.

Im laufenden Sparprogramm baut Linde bis Ende 2019 fast 1000 Arbeitsplätze vor allem im Grossraum München ab. Bei einer Fusion hat Linde betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2021 ausgeschlossen./rol/DP/mis

(AWP)