Gegenwind für Linde-Fusion mit Praxair auch aus der Politik

(neu: Aufsichtsrat Hahl im vierten, siebten und letzten Absatz) - Der Widerstand gegen die geplante Fusion von Linde und seinem US-Konkurrenten Praxair zum weltgrössten Gasekonzern wächst. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet einen massiven Stellenabbau und lehnt den Zusammenschluss entschieden ab. Unterstützung bekommen die Arbeitnehmer jetzt auch von der Bundesregierung und der bayerischen Landesregierung.
30.03.2017 17:02

"Ein solcher geplanter Zusammenschluss braucht die Akzeptanz der Arbeitnehmerseite", und "diese ist derzeit offenbar nicht vorhanden", sagte Staatssekretär Matthias Machnig (SPD) dem "Handelsblatt" (Donnerstag). Ausserdem sei "die ökonomische Rationalität eines solchen Vorhabens nicht überzeugend dargelegt".

Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) forderte am Donnerstag in München, "dass nicht gegen die Arbeitnehmer entschieden wird". Die Sorge der Arbeitnehmerseite um die langfristige Sicherung und Eigenständigkeit von Linde sei bemerkenswert. Aigner forderte die Kapitalseite im Aufsichtsrat auf, dass jetzt in dem Kontrollgremium "gemeinsam und nicht gegen die Arbeitnehmerschaft entschieden wird".

Die Gewerkschaften IG Metall und IG BCE sorgen sich um die 8000 Arbeitsplätze von Linde in Deutschland. Linde-Aufsichtsratsmitglied und Betriebsrat Gernot Hahl sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Die Unternehmens-Mitbestimmung wird abgeschafft, indem die Holding in Dublin angesiedelt wird." Der grösste Teil der Synergien von einer Milliarde Euro jährlich solle bei Linde gehoben werden: "Das bedeutet weiteren Personalabbau. Die meisten Beschäftigten haben Angst um ihre Arbeitsplätze."

Der Europäische Betriebsrat von Linde warnte in einem Brief an die Belegschaft, die Fusion bedeute "einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird". Er kündigte an: "Die europäischen Betriebsräte und Belegschaften werden sich daher vehement der geplanten Fusion mit Praxair widersetzen."

Praxair ist kleiner als Linde, aber beide Unternehmen streben eine "Fusion unter Gleichen" an, und geführt würde der neue Konzern von Praxair-Chef Steve Angel in den USA. Der Linde-Aufsichtsrat soll den Fusionsvertrag vor der Linde-Hauptversammlung am 10. Mai unter Dach und Fach bringen.

"Ich bin ziemlich sicher, dass die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat komplett dagegen stimmen wird", sagte Hahl. Wenn die Kapitalseite zustimmt, wird die Stimme von Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle zum Zünglein an der Waage. "Reitzle hat angedeutet, er wird sein zweites Stimmrecht ziehen, wenn's drauf ankommt", sagte Hahl. Bei einer Fusion soll Reitzle Aufsichtsratsvorsitzender des neuen Konzerns werden.

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni warb in einem Aktionärsbrief, der neue Konzern hätte als Weltmarktführer eine global ausgewogene starke Position. Belloni zufolge bedeutet Grösse im Gasegeschäft höhere Gewinnmargen und sichere Arbeitsplätze. Allerdings sind auch harte Kartellauflagen zu erwarten. In Amerika und Europa müsste der neue Konzern wohl Geschäfte aufgeben, heisst es in Industriekreisen.

Aufsichtsrat Hahl sagte, Linde sei in Asien gut aufgestellt und könne auch allein wachsen. "Das Wachstumsproblem hat Praxair, da es hauptsächlich in Amerika positioniert ist." Der Sinn des Deals für Linde sei zweifelhaft. Auch der Aktienkurs wirft Fragen auf: Er blieb seit der Wiederaufnahme der Fusionsverhandlungen hinter dem Dax zurück./rol/DP/tos

(AWP)