Geldflut ohne Ende: Draghi & Co immer mehr in der Kritik

Die Notenbanken weltweit haben mit ihrer riesigen Geldflut bereits fast alle Register gezogen. Ein Überblick über die möglichen weiteren Pläne der Zentralbanken - und wo sie Probleme verursachen können.
10.09.2016 10:34
Die Zentralbanken fluten die Märkte seit Jahren mit immer neuem Geld.
Die Zentralbanken fluten die Märkte seit Jahren mit immer neuem Geld.
Bild: Pixabay

EZB-Chef Mario Draghi erwägt eine weitere Öffnung der Geldschleusen. Zur Not will der Italiener nachlegen, wie er erst am Donnerstag sagte. Das laufende, bereits billionenschwere Anleihen-Kaufprogramm zum Ankurbeln der mauen Konjunktur könnte verlängert oder zumindest nachjustiert werden.

Doch ähnlich wie seine Kollegen in Washington und Tokio steht Draghi in der Kritik: Denn Sparer sind die Verlierer der Niedrigzinspolitik. Auf lange Sicht drohen zudem Preisblasen an den Finanzmärkten, und vielen Banken fällt es durch die Mini-Zinsen immer schwerer, im Kreditgeschäft ausreichend Gewinne zu erzielen. Es folgt ein Überblick, was die großen Notenbanken geldpolitisch noch in petto haben und wo sie mit ihrer laxen Linie besonders anecken:

DRAGHI & CO IM ANLEIHEN-KAUFRAUSCH

Die EZB und die nationalen Notenbanken der Euro-Länder haben seit dem Start ihrer Wertpapierkäufe im März 2015 allein Staatsanleihen für mehr als eine Billion Euro erworben. Das insgesamt auf 1,74 Billionen Euro angelegte und noch bis mindestens Ende März 2017 laufende Programm ist derzeit das zentrale geldpolitische Instrument der Währungshüter. Denn bei einem rekordniedrigen Leitzins von null Prozent besteht dort kaum Spielraum mehr.

Die Geldflut ist vor allem in Deutschland heftig umstritten. Der CDU-Wirtschaftsrat spricht von einer gescheiterten Strategie. "Auch bei der Konjunktur oder der Inflation haben die geldpolitischen Instrumente der EZB die erhoffte Wirkung eindrucksvoll verfehlt", kritisiert dessen Generalsekretär Wolfgang Steiger. Tatsächlich haben die hauseigene Experten der Notenbank gerade ihre Wachstumsprognosen für den Währungsraum 2017 und 2018 gesenkt - wenn auch nur leicht. Zudem kommt die Inflation trotz der Geldschwemme nicht vom Fleck: Im August lag die Teuerung lediglich bei 0,2 Prozent - die EZB spricht aber erst bei knapp zwei Prozent Inflation von stabilen Preisen. Dieser Wert gilt als ideal für die Wirtschaftsentwicklung.

Auch wenn die EZB am Donnerstag zunächst keinen Handlungsbedarf sah, gibt es eine Hintertür. Intern prüft die Notenbank jetzt Optionen für das Anleihenprogramm. Denn die Käufe haben inzwischen die Renditen von Bundesanleihen mit Laufzeiten von bis zu sieben Jahren unter das Niveau des sogenannten Einlagensatzes von minus 0,4 Prozent gedrückt. Damit erfüllen sie aber nicht mehr die Vorgaben der EZB. Die wichtigste Waffe von Draghi droht damit erheblich an Feuerkraft zu verlieren, wenn die Notenbank nicht mehr ausreichend Bundesanleihen erwerben kann. "Wir erwarten, dass der EZB-Rat das Programm um mindestens sechs Monate verlängert", so die Experten der Citibank. Dabei würden auf der EZB-Sitzung am 8. Dezember wohl auch die Stellschrauben der Käufe neu justiert.

Ohne Unterstützung der Regierungen kann aus EZB-Sicht aber die Flut an billigem Zentralbankgeld nicht die volle Wirkung entfalten. Länder mit finanzpolitischem Spielraum sollten diesen auch nutzen, fordert Draghi. Dabei hat der EZB-Präsident vor allem Deutschland im Blick. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte zuletzt, Strukturreformen müssten die Währungspolitik flankieren.

US-NOTENBANK MITTEN IM WAHLKAMPFGETÜMMEL

In Amerika hat sich Zentralbankchefin Janet Yellen in diesem Jahr eher als Zauderin erwiesen: Seit der Zinswende vom Dezember 2015 liegt der Schlüsselsatz in einer Spanne zwischen 0,25 und 0,5 Prozent. Störfeuer von außen wie etwa Kursturbulenzen in China und das Anti-EU-Votum der Briten durchkreuzten die Strategie, die Zügel behutsam anzuziehen. "Die Brexit-Entscheidung hat die Fed zum Abwarten veranlasst. Die Präsidentschaftswahl dürfte das erst recht tun", sagt Chefökonom Martin Moryson vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Ein möglicher Wahlsieg des Republikaners Donald Trump sei nämlich ein noch größeres Risiko für die US-Wirtschaft als der geplante EU-Austritt Großbritanniens. Trump stehe für größere Defizite sowie eine schwächere Wirtschaft mit weniger Beschäftigung und höherer Arbeitslosenquote.

Klare Signale, wann die Fed nachlegt, blieb sie zuletzt schuldig. Experten erwarten, dass die Zentralbank auf ihrer Sitzung am 21. September noch stillhalten und frühestens im Dezember handeln wird. Dann ist das Rennen um das Weiße Haus gelaufen, in dem die Geldpolitik bereits zu Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs zum Thema wurde: Trump warf der Fed vor, die Zinsen künstlich niedrig zu halten, um damit einen Einbruch der Wirtschaft noch während der Amtszeit des demokratischen Präsidenten Barack Obama zu verhindern. Die demokratische Kandidatin Hillary Clinton warf sich umgehend für Yellen in die Bresche und kritisierte eine unzulässige Einmischung in die Geldpolitik.

WÄHRUNGSHÜTER IN TOKIO LOTEN GRENZEN DER GELDPOLITIK AUS

Die Bank of Japan hält die Geldschleusen bereits seit langem sperrangelweit offen. Sie steht dennoch unter Druck, bald nachzulegen. Die Notenbank hat angekündigt, bei der Sitzung im September ihren Kurs zu überprüfen. Gouverneur Haruhiko Kuroda, schließt eine weitere Absenkung der Negativzinsen nicht aus.

Die Notenbank in Tokio hat mit einer riesigen Geldflut bereits fast alle Register gezogen: So ist Schätzungen zufolge bereits die Hälfte aller handelbaren Indexfonds (ETFs) im Besitz der japanischen Zentralbank. Dennoch sind die Konjunkturaussichten eher mau: Sollte sich die Lage auf den großen Absatzmärkten der japanischen Exporteure nicht nachhaltig aufhellen, wird der Konjunkturmotor nach Ansicht von Experten dieses Jahr nicht mehr anspringen.

(Reuters)