Geldpolitik - Bringt der Zentralbanken-September mehr Klarheit?

Das Fernziel der grossen Zentralbanken ist immer noch das gleiche: Abschied vom billigen Geld und Rückkehr zu höheren Zinsen. Nächsten Monat gibt es neue Hinweise, wie weit die Weltwirtschaft noch davon entfernt ist.
29.08.2017 18:39
Von Marc Forster
Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in Zürich: Nächste geldpolitische Lagebeurteilung ist am 14. September.
Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in Zürich: Nächste geldpolitische Lagebeurteilung ist am 14. September.
Bild: cash

Billiges Geld, das per Anleihenkäufe und Tiefzinsen in den Kreislauf gepumpt wird, fliesst seit den Tagen der Finanzkrise durch die Adern der Weltwirtschaft. Die lockere Geldpolitik war einmal als Not- und Übergangsmassnahme verkündet worden, bevor sie für Jahre bestehen blieb. Mittlerweile sind es fast neun Jahre.

Im September nun, in dem sich die Zentralbanken-Termine traditionell dicht drängen, werden neue Informationen über die Pläne der Währungshüter bekannt. Wie präzise diese das Ende der geldpolitischen Lockerungspolitik vorausahnen lassen, bleibt abzuwarten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) beginnt den Reigen am 7. September. Spekuliert wird, ob das umstrittene Anleihenkaufprogramm der EZB ab Mitte 2018 zurückgefahren wird. Der geldpolitische Entscheid nächsten Monat in Frankfurt wird vor allem dahingehend abgeklopft werden, ob dieser Zeitplan realistisch ist. Eine Zinserhöhung in der Eurozone hingegen scheint in weiter Ferne zu liegen: Jedenfalls wird ein solcher Schritt von den Märkten bisher nicht erwartet.

Euro ist derzeit stark

Die Stärke des Euro, dessen Kurs diese Woche erstmals über den Gegenwert von 1,20 Dollar gestiegen ist, unterstützt die Euro-Währungshüter grundsätzlich beim Ausstieg aus dem Anleihenkaufprogramm. Positive Wirtschaftsdaten beflügeln im Moment die Einheitswährung. Immer noch zahlreich sind aber die Stimmen, die diese "Europhorie" für eine vorübergehende Erscheinung halten.

Der September-Fahrplan der Notenbanken

  Nächster Termin Leitzins Letzte Veränderung Richtung
EZB 7. Sept. 0 10.3.2016 (-0,05 Ppte.)
SNB 14. Sept. -0,75 Prozent 15.1.2015 (-0,5 Ppte.)
BoE 14. Sept. 0,25 Prozent 4.8.2016 (-0,25 Ppte.)
Fed 20. Sept. 1,25 Prozent 14.6.2017 (+0,25 Ppte.)
BoJ 21. Sept. -0,1 Prozent 29.1.2016 (-0,20 Ppte.)

 

Derzeit ist die Stärke des Euro auch die Schwäche der USA, wo die ersehnten Steuersenkungen für Unternehmen bisher nicht beschlossen wurden und wo die Nordkorea-Krise für Unsicherheit sorgt. Diesseits des Atlantiks wiederum könnte ein Stocken der geplanten Wirtschaftsreformen in Frankreich die Stimmung in der Eurozone schnell wieder trüben.

Sollte die EZB im nächsten (oder übernächsten) Jahr endlich die geldpolitischen Zügel zu straffen beginnen, werden Zinserhöhungen aber zumindest realistisch – auch in der Schweiz. Am 14. September nimmt das Direktorium der Nationalbank (SNB) um Thomas Jordan die geldpolitische Lagebeurteilung vor. Die SNB-Verlautbarungen müssen stets zwischen den Zeilen gelesen werden, diesmal vor dem besonderen Hintergrund, dass der Franken tatsächlich deutlich schwächer geworden ist.

Sollte die Nationalbank nicht mehr von einem "deutlich überbewerteten" Franken sprechen, wäre dies möglicherweise ein Hinweis darauf, dass sie langsam an ein Zurückfahren der Negativzinsen denkt. Dass das Direktorium vorerst am Negativzins von -0,75 festhält, ist indessen so gut wie sicher, denn solange der EZB-Zins bei Null und der EZB-Einlagensatz bei -0,4 Prozent ist, wird sich die SNB kaum auf Experimente einlassen. Sonst könnte der Franken wieder attraktiver werden.

Fed-Startschuss für Bilanzabbau

Gleichentags meldet sich die Bank von England (BoE) zu Wort. Weltpolitisch wird die britische Geldpolitik weniger starke Wellen schlagen. Interessant ist insofern aber, dass die BoE lange als jene Notenbank galt, die als erstes die Zinsen erhöht, zumal im neunköpfigen Monetary Policy Committee in London mehrere Falken sitzen, die Zinserhöhungen befürworten.

Der zaghafte Bank-Gouverneur Mark Carney, eine relativ hohe Inflation im Vereinigten Königreich von aktuell 2,8 Prozent und erst recht der Brexit-Entscheid vom Juni 2016 liessen diese Pläne in den Hintergrund rücken. Überhaupt prägt die britische Geldpolitik im Moment massgeblich die Frage, wie der Austritt des Landes aus der EU ablaufen wird. Die Konturen davon sind bisher nicht klar. Beim BoE-Entscheid beachtet wird aber stets, wie hoch das Stimmenverhältnis zugunsten von Zinsschritten ist.

Weniger Aufsehen als sonst wird auch das Meeting der Federal Reserve (Fed) am 19. und 20. September erregen, denn ein weiterer Zinsschritt wird allgemein wenn, dann erst am 12./13. Dezember erwartet. Die Fed arbeitet allerdings im Gegensatz zu den anderen Notenbanken sichtbar an der geldpolitischen Normalisierung. Erwartet wird nun, dass Fed-Chefin Janet Yellen beim September-Treffen des mächtigen Offenmarktausschusses mit dem Bilanzabbau beginnt.

 

 

Das 4500 Milliarden Dollar schwere "Balance Sheet" der Fed will entlastet werden, indem schrittweise weniger Staatsanleihen und weniger verbriefte Hypothekenpapiere gekauft werden. Dies wurde bereits relativ detailliert kommuniziert. Yellens Kalkül, dass die Finanzmärkte gelassen auf diese Kursänderung reagieren werden, scheint derzeit auch aufzugehen. Die Aktienkurse reagieren im Moment stärker auf die Geopolitik.

Bank von Japan bleibt sich treu

Die Bank von Japan (BoJ) schliesslich verlautbart sich am 21. September, wobei niemand erwartet, dass sich an der ultralockeren Geldpolitik in Tokio etwas ändert. Zwar nährte ein Rückgang in den Anleihenkäufen zuletzt Spekualtionen, die Notenbank könnte am Ende heimlich die Zügel straffen. Die BoJ nannte aber naturgemäss gegebene Schwankungen bei den Käufen als Grund für die Abweichungen.

Der Aufschwung mit einer seit 57 Monaten wachsenden Wirtschaft scheint den "Abenomics" von Premierminister Shinzo Abe recht zu geben – also der Mischung aus Reformen, lockerer Geldpolitik und staatlicher Konjunkturförderung. Auch wenn bei diesem Aufschwung die Luft dünner wird, und demograpische Fragen wie auch die hohe Schuldenquote ungelöste Probleme bleiben, will die BoJ erst den Fuss erst bei 2 Prozent Inflation vom Gas nehmen. Zuletzt betrug die japanische Teuerungsrate 0,4 Prozent.

In Jackson Hole halten sich Notenbanker zurück

Ausser der US-Notenbank hat noch keine der anderen Zentralbanken auf die geldpolitische Normalisierung umgeschwenkt. Dazu kommt, dass die übrigen Banken aus unterschiedlichen Motiven an anderen Rezepten festhalten. Die SNB beispielsweise würde gerne die Negativzinsen zurücknehmen, kann dies aber nicht ohne dass in Frankfurt die entsprechenden Weichen gestellt werden. Dort wiederum gibt man sich der Vorstellung hin, man habe noch viel Zeit.

Der nächste Monat wird demzufolge wenig Überraschungen bringen, was den offiziellen Fahrplan der Notenbank-Kommunikation betrifft. Sollte sich aber beispielsweise die Atomwaffen-Krise im japanischen Meer verstärken, könnten andere Formen der Überraschung die Geldpolitiker auf Trab halten.