Gewerkschaften wiederholen Lohnforderungen vom Sommer

Viele Branchen haben die Finanzkrise verdaut, den Unternehmen geht es seit einigen Monaten wieder besser. Doch der Aufschwung wird sich nicht bei allen Angestellten im Portemonnaie bemerkbar machen. Zu diesem Schluss kommen die Gewerkschaften in einer ersten Analyse. Sie wiederholen darum kurz vor Abschluss der Lohnrunde ihre Forderungen.
27.11.2017 12:39

Es brauche Lohnerhöhungen von 1,5 bis 2 Prozent, sagten Gewerkschaftsvertreter am Montag vor Journalisten in Bern. Dies, weil sich die wirtschaftliche Lage in den letzten Monaten spürbar verbessert habe. Der Aufschwung sei da, gleichzeitig sei die Teuerung stärker geworden. Bereits im Juli machten die Gewerkschaften ihre Forderungen bekannt - aussergewöhnlich früh, schon vor der Sommerpause.

Nun legen sie nach. Die bisherigen Lohnabschlüsse zeigten, dass den neuen Rahmenbedingungen noch zu wenig Rechnung getragen würde, heisst es beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB), der mit 16 Einzelgewerkschaften insgesamt 380'000 Mitglieder vertritt.

EIN BISSCHEN LOB, VIEL TADEL

Anzeichen für problematische Entwicklungen gebe es vor allem in den Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Die Gewerkschaft Unia sieht vor allem in den Sektoren Gewerbe und Bau Nachholbedarf. Es werde gebaut wie nie, die Auftragsbücher seien voll.

Im Hochbau erwirtschafte ein Bauarbeiter jährlich 9000 Franken Gewinn. Und dennoch würden die Baumeister eine "anständige Lohnerhöhung" verweigern, sagte Vania Alleva, Präsidentin der Unia.

In der Pharmaindustrie generiere ein Mitarbeiter sogar 364'000 Franken Gewinn, in der Uhrenbranche 79'000 Franken. Der Lohn einer Arbeiterin in der Uhrenindustrie liege aber nur bei rund 3500 Franken, sagte Alleva mit Blick auf die Scheren, die sich auftun.

Die bisher erreichten Lohnerhöhungen beziffert Unia auf rund 1 Prozent. Zudem gebe es höhere Mindestlöhne, etwa für die Angestellten von Decken/Innenausbausystemen mit Erhöhungen zwischen 50 und 100 Franken oder auch im Holzbau (+1 Prozent). Die Effektivlöhne steigen in den Elektro- und Telekominstallationen um 1,5 Prozent, in der Gebäudetechnik und im Metallbau um je 1 Prozent.

Im Coiffeurgewerbe werden die Mindestlöhne für die Angestellten im dritten bis zum fünften Dienstjahr erhöht. Fachkräfte erhalten damit eine Lohnerhöhung von bis zu 200 Franken. In der Reinigungsbranche in der Deutschschweiz steigen die Löhne zwischen 0,7 Prozent und 1,8 Prozent, in der Romandie sogar von bis zu 2,8 Prozent in der Unterhaltsreinigung.

Ausdrückliches Lob finden die Gewerkschaften für einige Unternehmen wie etwa Givaudan, wo die Löhne um 1,5 Prozent steigen, plus 20 Franken für die Krankenkassenprämien. Feldschlösschen bezahlt 2,5 Prozent mehr auf die Mindestlöhne, 1,2 Prozent generell. Bei Coop wird die Lohnsumme um 1 Prozent angehoben. Zudem gibt es Verbesserungen im Bereich des Vaterschafts- und Mutterschaftsurlaubs.

Alleva sprach von Lichtblicken, zog insgesamt aber ein ein ernüchterndes Fazit. Die Ergebnisse seien zwar grundsätzlich besser als in den vergangenen zwei Jahren, die erreichten Erhöhungen liegen aber noch immer unter den Forderungen von bis zu 2 Prozent.

ARBEITGEBER KONTERN

Für die Arbeitgeber indes sind die Forderungen zu hoch angesetzt. Für Lohnmässigung spreche zunächst, dass viele Unternehmen, die noch unter den Nachwehen des Frankenschocks leiden, jetzt dringend Ersatzinvestitionen tätigen müssten, schreibt der Schweizerische Arbeitgeberverband auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda in einer Reaktion.

Zudem befinde sich die Schweiz gemäss dem Länderbericht der OECD beim Produktivitätswachstum weiterhin fast am Ende der OECD-Rangliste. Lohnerhöhungen auf breiter Front würden die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.

Weiter verweisen die Arbeitgeber auf die Verbesserung der Kaufkraft, das hohe Pro-Kopf-Einkommen und die gleichmässige Verteilung des Wohlstands in der Schweiz. Das verfügbare Einkommen habe sich seit 2007 im Durchschnitt um über 2 Prozent erhöht, bei der einkommensstärksten Gruppe betrage das Wachstum 1,2 Prozent, jenes des oberen Mittelstands um knapp 1,5 Prozent.

(AWP)