Global Competitiveness Report des WEF - «Wir sind immer ein Referendum entfernt von potenziell gefährlichen Folgen»

Nach neun Jahren Spitzenplatz ist die Schweiz laut WEF-Bericht nicht mehr das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Die Gefahren für ein weiteres Abrutschen sind da, sagt WEF-Ökonom Thierry Geiger im cash-Video-Interview.
17.10.2018 10:34
Von Daniel Hügli, Genf
Thierry Geiger, leitender Ökonom beim World Economic Forum in Genf.
Bild: cash

Der Bericht ist heuer 671 Seiten dick, er erscheint jedes Jahr seit 1979 - und kaum jemand wird ihn ganz lesen: Der "Global Competitiveness Report" des World Economic Forum (WEF). Der Bericht zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit analysierte in der diesjährigen Ausgabe 140 Länder. 

Das Schlechte am Bericht ist: Die Schweiz verliert ihre Spitzenposition, die sie in den letzten neun Jahren ununterbrochen behielt, an die USA. An zweiter Stelle steht Singapur, gefolgt von Deutschland und der Schweiz. Das Gute am Bericht: Die neuen Positionen der Rangliste lassen sich kaum mit denjenigen der Vorjahre vergleichen, weil im Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit 2018 zum ersten Mal nach 15 Jahren die Methodik der Bewertung geändert wurde. 

Die Gründe für die geänderte Methodik ist das veränderte wirtschaftliche Umfeld in den letzten Jahren. Das ist gekennzeichnet durch die vierte industriellen Revolution beziehungsweise die Digitalisierung und die Folgen der Rezession nach der Bankenkrise vor zehn Jahren, sagt Thierry Geiger im cash-Video-Interview am WEF-Sitz in Cologny bei Genf. Geiger ist leitender Ökonom des Global Competitiveness Reports.

Viele der Faktoren, die Einfluss auf die künftige Wettbewerbsfähigkeit haben könnten, standen laut WEF in der Vergangenheit überhaupt nicht im Fokus der Politik. Dies umfasst etwa die Generierung von Ideen, Unternehmenskultur, Offenheit und Agilität.

Das Zurückfallen der Schweiz im WEF-Report lässt sich indes nicht bloss mit der nicht mehr gegebenen Vergleichbarkeit erklären. Es gibt kleine Hinweise auf tiefer liegende Probleme. Auffallend ist, dass die Schweiz in der Ausgabe 2018 in keiner Unterkategorie, die zusammen zum Gesamtrang führen, den Spitzenplatz mehr einnimmt. Im letzten Jahr war dies immerhin noch in drei Kategorien der Fall. In der diesjährigen Ausgabe des WEF-Berichtes muss die Schweiz besonders bei den Kategorien "Geschäftsdynamik" (zum Beispiel Kosten und Dauer für den Start eines neuen Unternehmens) und "Warenmarkt" (zum Beispiel Handelszölle) Einbussen hinnehmen. 

Und das Zurückfallen der Schweiz darf auch nicht überraschen, wenn ein vergleichbarer Bericht des Lausanner Management-Institutes IMD vom Mai 2018 herangezogen wird. Im Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit unter 63 Ländern fiel die Schweiz bereits in diesem Report von Platz zwei auf Platz fünf. Dies wurde mit einem Rückgang der Exporte, des Beschäftigungswachstums und von internationalen Investitionen begründet. Aber auch mit Unabwägbarkeiten der direkten Demokratie.

"Initiativen und Referenden ausgesetzt"

Hier knüpft WEF-Ökonom Thierry Geiger an. Befragt nach den grössten Gefahren, welche die Position der Schweiz im WEF-Ranking weiter gefährden könnten, sagt er: "In der Schweiz sind wir Initiativen und Referenden ausgesetzt. Und wir sind permanent ein Referendum entfernt von potenziell gefährlichen und schädlichen Folgen", so Geiger. Diese könnten die Hauptstärken und Erfolgsfaktoren der Schweiz wie die Offenheit der Volkswirtschaft und die gesetzliche Rahmenbedingungen schädigen.

Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014 etwa hat dem Ruf der Schweiz als offene und innovative Volkswirtschaft geschadet, obwohl sich Auswirkungen der Abstimmung auf das wirtschaftliche Wohlergehen der Schweiz bis heute nicht eindeutig feststellen lassen. Und die Schweiz war mit dem Votum auch so etwas wie ein Vorreiter von protektionistischen Tendenzen in der Weltwirtschaft, wie sie die Trump-Regierung seit Amtsantritt Anfang 2017 betreibt.

Insofern überrascht es auch, dass die USA neuer WEF-Spitzenreiter der weltweit wettbewerbsfähigsten Länder ist - zum ersten Mal seit 2008. Dabei widerspricht die US-Politik der Strafzölle und Abschottung einem der Hauptresultate des WEF-Competitiveness Reports, wonach offene Volkswirtschaften deren Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Offene Volkswirtschaften sind durch niedrige Zölle und tiefe Handelsbarrieren, Offenheit für ausländische Arbeitskräfte oder Zusammenarbeit bei Patentanträgen gekennzeichnet.

"Die derzeitigen Spannungen und die getroffenen Massnahmen sind noch nicht in unseren Daten erfasst", räumt Thierry Geiger vom WEF ein. Fügt aber an: "Sollte sich die Lage festsetzen oder gar eskalieren, dann könnte dies aber in tieferen Bewertungen bei der wirtschaftlichen Offenheit der entsprechenden Länder münden." Dann wäre es wohl mit dem Spitzenplatz der USA wieder vorbei.

Im cash-Video-Interview äussert sich Thierry Geiger auch zum Stand der Digitalisierung in der Schweiz.