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«Grexit» bleibt ein Phantasiegebilde

Viele Europäer wünschen sich einen Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. Dass dies kaum möglich ist, steht schon lange fest. Ist eine Parallelwährung die Lösung?
28.04.2015 16:27
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Bild: cash

In einem Interview mit cash.ch sagte Thomas Mayer, ehemaliger Chefökonom der Deutschen Bank, im Jahr 2012: "Wir wissen ja, dass sowohl eine Mehrheit der Griechen als auch eine mögliche Linksregierung beim Euro bleiben will. Wir wissen auch, dass man ein Land nicht aus dem Euroraum hinauswerfen kann. Und wir wissen, dass die Griechen wahrscheinlich die Sparauflagen der Troika nicht erfüllen wollen. Dem Land würde also das Geld ausgehen."

Genau die Situation haben wir heute. Griechenland steht wieder mal kurz vor dem Staatsbankrott. Und entgegen einer weit verbreiteten Meinung kann auch kaum ein Land gezwungen werden, den Euroraum zu verlassen. 

Nach der Griechenland-Umschuldung Ende 2011 und der Gefahr, die von anderen Eurozonen-Ländern ausging, fand diesbezüglich eine erste grosse Kehrtwende im Denken der Eurozonen-Politiker statt. Die Europäische Zentralbank wurde auf politischen Druck hin immer mehr zu einer Art Staatszentralbank eines Euro-Schattenstaates, dessen oberstes Ziel es zunehmend wurde, den Verbleib der Mitglieder im Euro-Gebilde sicherzustellen. Kein Wunder: Die Idee der Eurozone als ganzes und die Reputation der EU standen auf dem Spiel.

Hinzu kommt beim "Grexit"-Gedanken auch die rechtliche Komponente: EU-Verträge und Verordnungen sehen gar nicht vor, dass ein Land der Europäischen Union formal aus dem Euroraum ausgeschlossen werden kann. Im Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2007 etwa ist die Festsetzung des Wechselkurses von der bisherigen Landeswährung zum Euro als "unwiderruflich" formuliert. Zwar weisen Europarechtler auf die Möglichkeit hin, dass Griechenland mithilfe eines Passus in einem EU-Papier aus dem Jahr 1998 sehr schnell eine Austrittsverordnung verpasst bekommen könnte. Doch das hätte wahrscheinlich eine Klagewelle und jahrelange Rechtsunsicherheit in Hellas zur Folge.

Der definitive Staatsbankrott von Griechenland wird nun trotzdem immer wahrscheinlicher. Aus Brüssel dringen Szenarien an die Öffentlichkeit. Griechenland wird formell in der Eurozone behalten, dem Land wird aber doch irgendwie die Währung weggenommen. Ökonom Mayer formulierte ebenfalls vor drei Jahren das Szenario einer Parallelwährung für Griechenland im Fall eines Staatsbankrotts. Er nannte die Parallelwährung den "Geuro". 

Das funktioniert so: "Der Staat gibt in so einem Fall Schuldscheine aus und sagt, man arbeite daran, die harten Euros zu bekommen," sagte Mayer im cash-Interview. Die Schuldscheine der Regierung, eine Art Vorreiter für eine Parallelwährung, wären dann das alltägliche Zahlungsmittel. Auf den Schuldscheinen steht also eine Zahl, welche die Schuld des Staates gegenüber dem Bürger zeigt. Man begliche Rechnungen und Mieten damit, aber auch Löhne der Beamten und Rentner würden damit bezahlt.

Schuldscheine und Parallelwährungen sind schwache Gebilde, die mittel- und langfristig niemand will. Gesucht wird in solchen Systemen dann vielmehr die Hartwährung als Wertaufbewahrungsmittel. In Griechenland wäre dies nach wie vor der Euro.

Was wären die Folgen in Griechenland? Natürlich käme es bei Schuldscheinen zu einer schnellen massiven Abwertung. Nach dem Staatsbankrott in Argentinien vor 14 Jahren zum Beispiel notierten die ausgegebenen Schuldscheine bald 70 Prozent unter ihrem Nennwert. Der Vorteil: Die griechische Wirtschaft würde international wettbewerbsfähiger. Um aber einen "Bank Run" der Griechen zu verhindern, die ihre Euros retten wollen, müsste die Regierung die Banken für eine gewisse Zeit schliessen und Kapitalverkehrskontrollen einführen. Die angeschlagenen Banken beschaffen sich das Eigenkapital dann durch die Umwandlung von Bankguthaben der Sparer. Diese werden also zu Zwangsaktionären der Finanzhäuser. Einen Vorgeschmack auf diese Entwicklung lieferte bereits die Zypern-Krise im Jahr 2013.

Das heimliche Kalkül von IFW, EZB und Eurogruppe: Die griechischen Wähler sind nach dieser Radikaltherapie so sauer, dass sie die neue Regierung abwählen. Es ist ein Szenario, das auch Wirtschaftsnobelpreisträger Christopher Pissarides in einem cash-Interview am diesjährigen WEF vorzeichnete. Eine neue, den internationalen Geldgebern genehme Regierung würde dann wieder mit Geld ausgestattet. 

Funktioniert das? Man darf seine Zweifel haben. Argentinien halfen die Schuldscheine schliesslich nicht, weil sie viele Unternehmen nicht als Zahlungsmittel akzeptierten. Dasselbe passierte in Kalifornien, nachdem der Bundesstaat 2009 Schuldscheine vorab an ärmere Bürger verteilte. Zudem muss man befürchten, dass eine griechische Regierung mit Hoheit über eine Notenpresse den Spargedanken bald mal über Bord wirft. Dennoch müssen diese Alternativen zum Euro durchgezogen werden - die Eurozone hat kaum eine andere Auswegmöglichkeit.