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Haben Arbeitgeber die Lehren gezogen?

Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt ortet eine Unzufriedenheit in der Schweiz. Weshalb dem so ist - und was dies für die 1:12-Initiative bedeutet.
13.08.2013 00:55
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Bild: cash

Kaum ein anderes Land in Europa hat die Finanzkrise so gut überstanden wie die Schweiz. Das Lebensniveau ist hoch, die Infrastruktur gehört zu den besten der Welt, regelmässig liegen Städte wie Zürich oder Genf an der Spitze der lebenswertesten Städte. Nach wie vor wird die Schweiz von aussen als Paradies betrachtet.

Zwar sagen in Umfragen nach wie vor fast zwei Drittel der Schweizer, dass es ihnen wirtschaftlich  "gut" oder "sehr gut" gehe. Doch sind die Leute auch zufrieden? Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt ortet in der Schweiz jedenfalls eine Unzufriedenheit, wie er im cash-Interview sagt. Das Abstimmungsresultat der Minder-Initiative lässt gar keine anderen Rückschlüsse zu.

Man könnte einwenden, dass die Schweiz nicht das einzige Land in Westeuropa ist, in welchem das Niveau der Unzufriedenheit hoch ist. Wer schon mal in Deutschland war, hört ähnliche Klagen wie in der Schweiz. Mehr noch: Studien wollen festgestellt haben, dass die Menschen im industrialisierten Westen seit einem halben Jahrhundert wohlhabender werden, doch ihre Lebenszufriedenheit bleibt bestenfalls konstant.

Woher kommt die Unzufriedenheit? Bezogen auf die Wirtschaft ist der Fall klar: Nicht nur in der Schweiz ärgern sich die Leute über absurde Gehälter der Manager. Demgegenüber haben viele Einwohner dieses Landes seit Jahren keine wirklichen Lohnerhöhungen mehr erhalten. Nicht wenige Privathaushalte haben sogar Mühe, trotz strenger Budgetkontrolle am Ende des Monats etwas auf die Seite legen zu können. In einem Hochpreisland wie dem unsrigen entstehen Gefühle von Abzocke.

Das fördert Frustration, Unsicherheit und Zukunftsängste: Wird die Rente genügen, um den Lebenstil einigermassen aufrechterhalten zu können? Sind die Sozialwerke noch finanzierbar? Wie lange kann man in einer zunehmend globalisierten Welt denselben Arbeitsplatz halten? Dazu: Wie viel Einwanderung erträgt das Land?

Ängste und Ohnmacht werden weiter geschürt, weil die Schweiz auf politischer Ebene unter Dauerdruck steht. Steuerstreit mit der halben Welt, Bankgeheimnis am Verschwinden, Ärger der Europäischen Union auf verschiedenen Ebenen. Das befeuert insbesondere die Unzufriedenheit der wohlhabenden Schicht über eine handlungsunfähige Landesregierung. Und staut den Ärger über neue Steuerforderungen des Staates.

Die Parteien links und rechts haben diese Unzufriedenheit erkannt und bringen eine Kaskade von Initiativen vors Stimmvolk. Mag sein, dass die Vorlagen die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz behindern, wie Valentin Vogt im cash-Interview sagt. Die Parteien haben die Unzufriedenheit im Land bemerkt. Im Abstimmungskampf der 1:12-Initiative können die Arbeitgeber und Economiesuisse unter Beweis stellen, ob sie die Lehren aus der Minder-Abstimmung ebenfalls gezogen haben.