Kolumne

HimalayaSir McMahon, Kim und Xi

Während Marschall Kim Jong-un Raketen und Raketchen abfeuern lässt, ist abseits der Schlagzeilen ein heisser Konflikt - vorläufig - entschärft worden. Dank China.
04.09.2017 02:05
Peter Achten, Asienkorrespondent
Sir McMahon, Kim und Xi

Seit Juni entzündete sich im Himalaya erneut ein seit Jahrzehnten schwelender Konflikt zwischen den zwei Atommächten Indien und China. Die Medien nahmen davon kaum Notiz, wenn überhaupt allenfalls im Kleingedruckten. Schlagzeilen-König war und ist Nordkoreas "Junger General" Kim Jong-un. Er liess und lässt eine Rakete nach der andern in den ostasiatischen Himmel steigen und droht immer wieder mit einem neuen Atomtest. Der kluge Kim hinterlässt damit wohlkalkuliert diplomatische Ratlosigkeit, Furcht und Schrecken.

Einzig in indischen und chinesischen Medien sorgte der Himalaya-Konflikt für grössere Schlagzeilen. Dieser Konflikt ist nun fürs erste entschärft worden. Dass diese gefährliche Auseinandersetzung im Himalaya auf über dreitausend Meter über Meer in den westlichen Medien kaum abgehandelt worden ist, hat wohl auch damit zu tun, dass Online-Redaktoren in Newsrooms wohl nicht falsch liegen, wenn sie annehmen, dass Nachrichten über Raketen, abgeschossen von einem Diktator mit komischer Frisur, höhere Klickzahlen erreichen als News über dröge Rempeleien und hin und wieder klatschenden, saftigen Ohrfeigen. Wie weit dabei Nordkorea in der Atom- und Raketentechnologie tatsächlich ist, spielt wohl im digitalen Nachrichten-Journalismus keine Rolle. Zitierbare Experten gibt es für alles und jedes…..

McMahon-Linie

Zu  hangreiflichen Uebergriffen ist es seit Juni auf dem Doklam-Plateau (chinesisch: Gonglang) immer wieder gekommen. Die Waffen blieben gesichert. Der Ton wurde allerdings sowohl in Indien als auch in China von Woche zu Woche immer schriller. Auch an andern Punkten der über dreitausend Kilometer langen Grenze kam es zu kleineren Zwischenfällen. Der Grenzkonflikt ist über hundert Jahre alt und äusserst komplex. 1914 handelte der Aussenminister von Britisch-Indien, Sir Henry McMahon, die Shimla-Konvention aus. Danach wurde das Grenzgebiet markiert. Die sogenannte McMahon-Linie teilt China, beziehungsweise Tibet von Indien. China anerkannte diese Grenzlinie nie, sondern betrachtete die auch als Line of Actual Control (LAC) bekannte Grenze als vorläufig. Indien dagegen erklärte  die McMahon-Linie als permanent und lehnt es deshalb ab, mit China darüber zu verhandeln. 

Neben dem Doklam-Plateau im Sikkim-Sektor ist vor allem ein grösseres indisches Gebiet im Osten umstritten. Die Provinz Arunachal Pradesh wird von China als tibetisches Gebiet beansprucht. Im Westen wiederum wird Aksai Chin im zwischen Pakistan und Indien geteilten Kashmir von China reklamiert. Da Indien auch unter Premier Nehru, der ansonsten gute Beziehungen zu China pflegte, nicht über die "permanente" Grenze verhandeln wollte, kam es 1962 zum ersten und bislang einzigen Waffengang. Indien wurde im einmonatigen Krieg vernichtend geschlagen. Noch einmal standen Indien 1987 vor einer bewaffneten Auseinandersetzung. 

Buthan zwischen Grossmächten

Beim jetzigen Konflikt auf dem Donglang-Plateau an der Dreiländerecke China-Indien-Buthan beschuldigte China Indien, Truppen in Stellung gebracht zu haben, um den chinesischen Strassenbau zu verhindern. Indien dagegen bezeichnete das Doklam-Plateau als Hoheitsgebiet Buthans. Das Königreich ist mit Indien eng verbunden. Grössere indische Truppenverbände sind dort stationiert. Buthans König und Regierung äusserten sich kaum, und wenn sehr zurückhaltend zum Grenzkonflikt. Nicht von ungefähr, liegt das Königreich doch zwischen zwei regionalen Supermächten. Buthan will zudem nicht wie vor Jahrzehnten das gleiche Schicksal wie das nahe Sikkim erleiden und von Indien annektiert werden.

Der beidseitig gereizte und immer bedrohlichere Ton deutete laut Kommentatoren der Region auf einen baldigen Krieg hin. Er werde möglicherweise nicht lokal begrenzt sein, sondern sich auf all die umstrittenen Grenzgebiete sowie auf den Indischen Ozean ausdehnen. Besonders ein maritimer Krieg sei wahrscheinlich. Indien hat relativ starke Seestreitkräfte. China wiederum versucht seit der Jahrhundertwende, seinen Einfluss auch im Indischen Ozean geltend zu machen. In Burma und Pakistan enden Oel- und Erdgas-Pipelines, in Sri Lanka ist China am Ausbau von auch strategisch nutzbaren Hafenanlagen beteiligt.  Rund achtzig Prozent des Erdölbedarfs erreicht China über den Indischen Ozean, ein beträchtlicher Teil wird gar über die Strasse von Malakka – an der engsten Stelle gerade einmal 1,7 km breit – transportiert. 

Mythen für den Hausgebrauch

Indien und China – immerhin Atommächte – einigten sich Ende August auf den Rückzug der Truppen vom umstrittenen Donglang-Plateau. Die Kriegsgefahr ist – vorerst – gebannt. China freilich wird auch in Zukunft darauf drängen, dass  über einen permanenten, definitiven Grenzverlauf verhandelt wird. Das wird für beide asiatischen Grossmächte schwierig, denn seit Jahrzehnten werden zum innenpolitischen Hausgebrauch Mythen gebildet über den jeweiligen Feind. Eine historischen Aufarbeitung der Vergangenheit ist dies- wie jenseits der McMahon-Linie dringend gefragt.

Dass der Friede so schnell zustande gekommen ist, hat wohl insbesondere in China innenpolitische Gründe. Am 18. Oktober beginnt der alle fünf Jahre stattfindende Parteikongress der Kommunistischen Partei. Dafür braucht es international Frieden und innenpolitische Stabilität. Staats-, Partei- und Militärchef Xi Jinping bereitet sich für eine zweite fünfjährige Amtszeit vor. So wie es von Aussen aussieht, hat Xi bislang alles richtig gemacht. Innenpolitisch setzt er Stabilität mit Zuckerbrot und Peitsche durch. Als Staatsmann hat er sich international profiliert und China Statur verschafft. Als Militärchef hat er die Militärs den Tarif durchgegeben und neue Kommandanten ernannt. Als Parteichef hat er wohl in den traditionellen Badeferien in Baidaihe am Ostchinesischen Meer die personellen Weichen gestellt, um die Erneuerung des Zentralkomitees, des Politbüros und vor allem des Ständigen Politbüro-Ausschusses in seinem Sinne zu gestalten.

Aber eben: Auch der Burgfriede auf dem Donglang-Plateau gehört zu den Vorbereitungen. Ein heisser Grenzkrieg im Himalaya mit Ohrfeigen, Rempeleien, Gewehren oder noch mehr ist während dem grossen kommunistischen Powwow in China schlicht undenkbar.

 

Weitere Informationen

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.