«Hoffentlich kommen die Schweizer wieder»

Erst der Arabische Frühling, nun ein Suizidanschlag in Sousse: Trotz dieser Rückschläge rappelt sich die Tourismusindustrie in Tunesien auf - und hofft dabei auf Schweizer Hilfe. cash machte sich vor Ort ein Bild.
05.11.2013 01:00
Von Pascal Meisser, Sousse
cash-Reporter Pascal Meisser berichtet aus Tunesien.
Bild: cash

Die aktuellsten Tourismus-Zahlen aus Tunesien zeichnen ein Bild des Grauens. Seit 2010, als der Tourismus in Nordafrika noch florierte, verzeichnet das Land einen Besucherrückgang von 50 Prozent. Auch in diesem Jahr hat sich der Zahlensturz fortgesetzt. "Wir rechnen mit 20 Prozent weniger Belegung als noch im Vorjahr", sagt Hoteldirektor Charfeddine Mokthar. Er leitet am Badeort Sousse, der drittgrössten Stadt des Landes, das gehobene Hotel Hasdrubal, das sich auf die landestypischen Thalasso-Therapien spezialisiert hat. 

Einige andere Hotels, die sich dem Massentourismus verschrieben haben, erlitten teilweise noch deutlichere Einbussen. Als Folge davon ist die Arbeitslosigkeit im Land deutlich angestiegen. Waren 2010 noch 14 Prozent der Bevölkerung ohne Arbeit, sind es inzwischen 20 Prozent - Tendenz steigend. Alleine im Tourismus sind 400'000 Tunesierinnen und Tunesier beschäftigt. 

"Die Menschen fürchten sich vor dem, was sie in den Massenmedien erfahren, obwohl Tunesien nicht das einzige Land ist, das eine Revolution erlebt hat", sagt Chukri Mrad im cash-Video-Interview. Das Land gilt seit dem Sturz von Langzeitherrscher Zine el Abidine Ben Ali im Januar 2011 als Mutterland des Arabischen Frühlings. Der einheimische Reiseführer Mrad kennt das Business deutlich länger. Seit zwölf Jahren führt er Touristen herum und ist - wer mag es ihm verübeln - optimistisch für die Zukunft. 

Schweiz eines der wichtigsten Länder für Tunesien

"Wir geben unser Bestes", sagt Mrad, "und wir hoffen alle, dass nicht nur die Schweizer, sondern auch die anderen Europäer wieder in unser Land reisen." Seine Hoffnungen liegen auf den nächsten Regierungswahlen, die in den kommenden Monaten stattfinden und Tunesien wieder mehr Stabilität verleihen sollen. Kaum ein Land ist so wichtig für Tunesien wie die Schweiz. Einzig Frankreich und Deutschland schleusen jährlich mehr Touristen nach Tunesien ein. 

Für zusätzliche Unsicherheit sorgte vergangene Woche ein Terroranschlag in einem der belebten Touristenzentren. Am Stadtstrand von Sousse hat sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Sicherheitskräfte konnten im letzten Moment verhindern, dass sich der Angreifer Zugang zu einem Hotel verschaffte. Es war der erste Anschlag auf einen Touristenort seit dem Umsturz in Tunesien. Menschen kamen keine zu Schaden. 

"Wir gehen davon aus, dass es sich um ein Mitglied einer extremistischen islamistischen Gruppe handelt, das nicht aus Tunesien stammt", sagt Reiseführer Mrad zu cash. Jeder Tunesier wisse, wie wichtig der Tourismus für das Land sei. Niemand würde diese vitale Ader verletzten wollen. Er weiss aber auch: Sollten sich künftig weitere solcher Anschläge ereignen, wäre dies eine zusätzlicher harter Schlag für die Branche. 

Reisewarnungen bleiben bestehen

Wenig hilft dem Land auch, dass verschiedene ausländische Staaten Reisewarnungen herausgegeben haben. Das Eidgenössische Departement für Äusseres rät zu erhöhter Wachsamkeit und weist auf das Risiko terroristischer Akte hin. Das Deutsche Amt für auswärtige Angelegenheiten warnt vor Menschenansammlungen und Demonstrationen. Diese sollten weiträumig umgangen werden. 

Hoteldirektor Mokthar aus Sousse ärgert sich über diese Bestimmungen. "Man muss sich vor Augen halten, dass seit 2011 in Tunesien erst jetzt ein Anschlag in Touristennähe passiert ist, in Marokko waren es bisher deren drei", sagt Mokhar, der diese Einschränkungen beim besten Willen nicht versteht. Er nennt ein Beispiel: In Marrakesch ereignete sich im April 2011 der grösste Zwischenfall seit Beginn des Arabischen Frühlings. Bei einem Bombenanschlag auf ein beliebtes Café in Marrakesch starben 14 Personen. 

Auch Hoteldirektor Mokthar ist zuversichtlich, dass es ab 2014 wieder aufwärts geht. "So schlecht wie dieses Jahr kann es gar nicht mehr laufen." In Europa verbessert sich die Wirtschaftslage von Monat zu Monat, zudem hofft auch Mokthar auf eine stabilere Zukunft der eigenen Regierung. Sein Optimismus spiegelt sich darin, dass er trotz eines katastrophalen 2013 niemand aus der Belegschaft entlassen hat. 

Trendwende noch fraglich

Wachstum soll künftig in anderen Tourismussegmenten erzielt werden. Kulturreisen zu historischen römischen Stätten und Thalasso-Therapiekuren sollen künftig ein weiteres Standbein neben dem All-inclusive-Massengeschäft bilden. Unterkünfte wie Boutiquehotels und einfachen Gästezimmern, die unter dem Diktator Ben-Ali noch verboten waren, sind in den letzten Monaten in hoher Zahl entstanden. Die provisorische Regierung will diese Entwicklung weiter unterstützen. 

Ob es aber wirklich so schnell zu einer Trendwende in Tunesien kommt, bleibt vorderhand noch fraglich. Die grössten Reiseveranstalter der Schweiz winken bei einer entsprechenden Anfrage ab. "Die Buchungszahlen sind stabil, aber eine Besserung ist noch nicht in Sicht", sagt Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir. Auch von Kuoni kommen ähnliche Aussagen - mit einem Unterschied. In den Monaten August und September verbuchte Kuoni ausserordentliche Wachstumsraten von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings profitierte Tunesien damals von der Einreisesperre nach Ägypten - viele nahmen die Gelegenheit wahr, um nach Tunesien umzubuchen.  

Sehen Sie im Video Bilder von Tunesien und das Interview mit dem Reiseführer Chukri Mrad.

Diese Reportage wurde unterstützt vom tunesischen Tourismusbüro in Zürich.