Insulin-Hersteller sorgen für den Brexit vor

Um auch bei einem Brexit die Versorgung von britischen Patienten mit Insulin sicherzustellen, haben die beiden grössten Anbieter Novo Nordisk und Sanofi bereits hohe Summen aufgeworfen. Ersetzt bekommen werden sie diese Beträge nicht.
29.09.2019 12:58

Sie sind eigentlich Pharma-Manager, wurden aber zu Experten für LKW-Vorschriften, Lagerkapazitäten und Fahrpläne für Fähren. Pinder Sahota ist beim weltgrössten Insulinhersteller Novo Nordisk für des Grossbritannien-Geschäft verantwortlich, Hugo Fry ist sein Pendant beim Konkurrenten Sanofi. Sie bereiten ihre Unternehmen seit langem auf den Brexit vor.

Dafür haben sie bereits Millionen Pfund ausgegeben, die sie nie wieder ersetzt bekommen. Etwa um Millionen Packungen von Insulin zur Behandlung von Diabetes in Grossbritannien zu lagern. Oder um neue Schifffahrts- und Luftfrachtrouten aufzubauen. "Es gibt nichts Vergleichbares", sagt Sahota. "Aus logistischer Sicht ist so etwas noch nie dagewesen. Wir bereiten uns auf den schlimmsten und extremsten Fall vor."

Nachdem der Termin für den geplanten Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union bereits zweimal verschoben wurde, ist Premierminister Boris Johnson fest entschlossen, den Brexit bis zum 31. Oktober durchzuziehen, notfalls auch ohne Abkommen.

Ein harter Brexit hätte allerdings Handelszölle und Zollkontrollen zur Folge, es drohen Engpässe etwa bei Lebensmittel und Medikamenten. LKWs etwa müssten Prognosen zufolge wegen der Zollkontrollen mit Verzögerungen von bis zu zweieinhalb Tagen rechnen.

Das hat auch Konsequenzen für die Pharmaindustrie, die jeden Monat 37 Millionen Medikamentenpackungen von Europa aus importiert. Die britischen Arzneimittelhersteller GlaxoSmithKline und AstraZeneca sind zwar Weltmarktführer bei Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Behandlungen, das Insulin für den britischen Markt wird allerdings importiert.

Sowohl Sanofi als auch Novo Nordisk haben Platz auf den Fähren reserviert, die den längeren Weg zu den östlichen englischen Häfen nehmen, um bei Bedarf das Hauptdrehkreuz Calais-Dover zu vermeiden. "Wir gehen davon aus, dass die Route überlastet wird, deshalb haben wir andere Routen erschlossen", sagt Novo-Nordisk-Manager Sahota. Dazu zählen Verbindungen von Dänemark und den Niederlanden aus ins englische Immingham.

Grosse Vorräte

Die dänische Novo Nordisk, Grossbritanniens grösster Insulin-Anbieter, hat ihre Lagerkapazitäten auf einen Vorrat von 18 Wochen verdreifacht. Der Konzern hortet 3,8 Millionen Insulin-Packungen, die aufeinandergestapelt zwölfmal so hoch wären wie der - im Moment noch - höchste Wolkenkratzer der EU, "The Shard" in London.

Die Rivalen Eli Lilly aus den USA und Sanofi haben ähnlich hohe Vorräte angelegt. Derweil wächst unter den Pharma-Managern die Frustration. Für die Vorbereitungen auf den Brexit geht soviel Zeit drauf, dass sie weniger Zeit für ihren normalen Job haben. "Wenn wir das machen, machen wir sonst nichts anderes", sagt Fry. Die zusätzlichen Vorräte hinterliessen zudem Spuren in der Bilanz und der Logistik. "Es ist keine ideale Situation."

Die Unternehmen sind immerhin zuversichtlich, die Insulin-Versorgung von rund einer Million Diabetes-Patienten in Grossbritannien garantieren zu können. Manchen Patienten kann das aber nicht ihre Sorgen nehmen.

Die britische Regierung hat im Rahmen ihrer Vorbereitungen für den Brexit einen regelmässigen Güterverkehr organisiert, der nur für Medikamente reserviert ist. "Wir tun alles, was wir können, damit die Versorgung mit Medikamenten und Medizinprodukten, auch mit Insulin, ununterbrochen bleibt", erklärt das Gesundheitsministerium.

Novo Nordisk und Sanofi wollen nicht offenlegen, wie viel die Brexit-Vorbereitungen die beiden Unternehmen bereits gekostet haben. Es handele sich aber um Millionen Pfund. Die Preise können sie wegen fester Verträge mit dem britischen Gesundheitswesen nicht erhöhen.

Sahota und Fry mussten sich ausserdem in die Untiefen des Transportwesens einarbeiten. Sie müssen kalkulieren können, wie viele Fahrer benötigt werden, um die vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht zu verletzen, wie lange Kühllastwagen auf einer Strecke in Betrieb sein dürfen und was bei einem möglichen Kraftstoffengpass zu tun ist. "Wir tun alles, was wir können", sagt Fry. "Ich weiss mehr über Fährüberfahrten, als ich je gedacht hätte."

(AWP)