Island erwägt geldpolitische Revolution

Die Isländer haben genug von den ständigen Krisen im Lande und planen einen neuen Weg in ihrer Geldpolitik. Einen Weg, über den auch in der Schweiz intensiv diskutiert und vielleicht schon bald abgestimmt wird.
16.04.2015 01:05
Von Pascal Züger
In Island könnte bald eine gelpolitische Revolution ausbrechen.
In Island könnte bald eine gelpolitische Revolution ausbrechen.
Bild: Bloomberg

"Ein besseres Geldsystem für Island": Unter diesem Titel hat der isländische Vorsitzende des Parlamentsausschusses für Wirtschaftsangelegenheiten und Handel Frosti Sigurjónsson Ende März einen Report vorgelegt, welcher nichts weniger als die Finanzwelt revolutionieren soll. Das neue Geldsystem würde den Geschäftsbanken die Möglichkeit der Geldschöpfung durch Kreditvergaben entziehen. Die Nationalbank allein könnte entscheiden, wie viel Geld im Umlauf ist.

Island litt in der Vergangenheit stark unter Inflation, unstabilen Wechselkursen, Immobilienblasen und grossen Bankenkrisen. Im Zuge der Finanzkrise von 2008 brachen die drei grössten Banken des Landes zusammen und der Staat stand dem Bankrott bedrohlich nahe. Es folgte eine Rezession, in der sich die Wirtschaftsleistung Islands teilweise um über fünf Prozent reduzierte.

Laut dem 110-seitigen Bericht haben kommerzielle Banken in Island in den letzten Jahren viel mehr Geld kreiert, als für das wirtschaftliche Wachstum optimal gewesen wäre. Die Zentralbank habe das Geldangebot durch ihre konventionellen Massnahmen nicht mehr wunschgemäss steuern können. Sigurjónsson will nun mit dieser Reform erreichen, dass die isländische Zentralbank wieder Kontrolle über ihren Geldumlauf erlangt.

Wie Banken Geld schöpfen

Fakt ist: Notenbanken steuern heute nur einen Teil der Geldschöpfung direkt. Auch Geschäftsbanken kreieren Geld, indem sie Kredite vergeben.

Wie die Geldschöpfung funktioniert, am Beispiel der Schweiz:

Bank A gewährt Bank B einen Kredit von 10‘000 Franken. Diese Transaktion erfolgt dann mittels sogenanntem "Buchgeld"- also Geld, welches nur elektronisch existiert. Damit Bank A den Kredit gewähren kann, muss sie bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) eine Mindestreserve von aktuell 2,5% hinterlegen. In diesem Beispiel wären es also 250 Franken. Die restlichen 9‘750 Franken werden von der Geschäftsbank geschaffen.

Bank B wiederum kann den von Bank A erhaltenen Kredit ihrerseits als Mindestreserve bei der SNB hinterlegen, um einer anderen Privatperson, Firma oder Bank einen Kredit über 400‘000 Franken zu gewähren. Die von Bank A erhaltenen 10‘000 Franken sind 2,5 Prozent des Betrages und können als Mindestreserve bei der SNB hinterlegt werden.

Das Bankensystem kann so ein Vielfaches des Geldes schaffen, welches ursprünglich von der Nationalbank herausgegeben wurde. In der Ökonomie wird dieser Prozess "multiple Geldschöpfung" genannt.

Notenbank kann Geldmenge beeinflussen

Doch die Nationalbank ist der ständigen Geldausweitung der Geschäftsbanken nicht hilflos ausgeliefert. Sie kann diesen Prozess mit zwei Hebeln steuern:

  • Zum einen durch die Festsetzung der Mindestreserve: Erhöht die Notenbank die Mindestreserve, dann können Banken weniger Geld schaffen. Umgekehrt führt eine Herabsetzung der erforderlichen Mindestreserve zu mehr von Banken geschaffenem Geld.
  • Zum anderen hat die Notenbank ihre Hände am Zinshebel: Fordert sie höhere Zinssätze, verringert sich die Nachfrage nach Krediten. Tiefere Zinssätze hingegen sind der Kreditvergabe förderlich.

Auch die Banken selbst wollen nicht unbegrenzt Kredite vergeben. Banken versuchen Zahlungsausfälle zu vermeiden und sind deshalb bei der Kreditvergabe vorsichtig.

Und: Letztendlich sind nicht nur Banken, sondern wir alle für das Wachstum der Geldmenge verantwortlich. Je nachdem, in welchem Umfang wir Geld leihen oder verleihen wollen, beeinflusst dies die Geldmenge.

Das Pendant zur Vollgeld-Initiative in der Schweiz

Island würde mit der neuen Geldpolitik nun die Geldschaffung der Geschäftsbanken völlig unterbinden. Der Report sieht vor, dass alle Bankkredite vollständig aus Geld bestehen, welches durch die Notenbank gedeckt ist. Das Land erhofft sich dadurch weniger Bank-Runs, niedrigere Zinsen für Kredite, weniger Finanzspekulationen und höhere Steuereinnahmen.

Kommt das noch nie zuvor dagewesene geldpolitische Experiment in Island tatsächlich zustande, wird die Schweiz mit grossem Interesse dessen Auswirkungen auf die isländische Wirtschafts- und Finanzwelt verfolgen.

Denn: Im Juni letzten Jahres hat der Verein Monetäre Modernisierung die "Vollgeld-Initiative" lanciert, die genau die gleiche geldpolitische Erneuerung in der Schweiz einführen will. Bereits sind intensive Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern am Laufen. Die SNB selbst, die durch ein neues Vollgeld-System mehr Macht bekommen würde, steht der Initiative übrigens skeptisch gegenüber. Obwohl SNB-Präsident Thomas Jordan die Vollgeld-Idee "konzeptionell in gewisser Hinsicht interessant" findet, zweifelt er erheblich am erhofften Nutzen von Vollgeld, wie er an einem Referat im November 2014 in Uster verlauten liess.

Bislang wurde in der Schweiz etwas mehr als die Hälfte der für das Zustandekommen der Initiative notwendigen 100‘000 Unterschriften gesammelt. Für die restlichen Unterschriften hat das Initiativkomitee noch bis Anfang Dezember 2015 Zeit.